Häufige Irrglauben und Fehlinformationen zu Qi Gong Teil 2


Hier geht es zur Einleitung und Teil 1 dieser Artikelserie.

Die Zunge an den Gaumen legen

Viele Qi Gong-LehrerInnen weisen ihre Schüler an, die Zungenspitze während der gesamten Qi Gong-Praxis an den Gaumen zu legen. Dies zeugt von mangelndem Verständnis und wird wohl gerne verwendet, um mit Wissen Eindruck zu schinden und die Techniken besonders ausgefeilt wirken zu lassen.

Die einzige, sehr fortgeschrittene Übung, bei der dies anfänglich hilfreich ist, ist das kleine Universum (mikrokosmischer Orbit). Für Qi Gong-EinsteigerInnen ist es eine völlig unnötige und ablenkende Anweisung, was die wunderbaren Erfolge unserer SchülerInnen, die diese nie gehört haben, belegen.

Das Qi zum Abschluss versiegeln

Ebenso wie Geld, ist Energie nur nützlich, wenn sie fließt. Umso überraschender ist es, wie verbreitet es ist, die Energie nach dem Ausführen von Übungen im Dantian (einem Energiezentrum im Unterbauch) zu versiegeln. Oft wird dies durch das Auflegen beider Hände übereinander oder in Form eines Tigermauls gemacht.

Qi Gong Gruppe Cosmic Breathing

In Shaolin Wahnam legen wir unsere Hände nur bei der Technik „Abdominal Breathing“, die auch für Fähigkeiten wie „Small Universe“ und „Cosmic Breathing“ verwendet wird, auf den Unterbauch.

Auch dies zeugt von unvollständigem Verständnis. Das Qi jedes Mal wegzusperren hemmt den Heilverlauf, da es anderorts höchstwahrscheinlich eher gebraucht wird. Man kann diese Vorgehensweise damit vergleichen sein Gehalt jedes Mal in einen Safe einzuwerfen, dessen Schlüssel man nicht hat.

Viel sicherer, effizienter und daher besser ist es, die Energie nach dem Ausführen von Qi Gong-Übungen in Form des Qi Flows frei durch den Körper fließen zu lassen und sie erst danach mit einem kurzen, sanften Gedanken im Dantian zu sammeln. Diese Fähigkeit ist heute wie früher sehr selten und wurde so zum Markenzeichen von Shaolin Wahnam.

Obwohl es gerne als „goldene Perle“ beschrieben wird, sollte man sich das Dantian mehr als dreidimensionalen Kreisverkehr vorstellen, wo Energie sich ständig umwälzt, hinein und hinaus fließt.

Am Anfang Standübungen und erst später dynamische Übungen

Diese weitverbreitete und traditionelle Annahme ist nicht falsch, jedoch nicht die beste Herangehensweise. Früher war es, so wie auch heute noch in vielen Schulen, üblich durch Zhan Zhuang Energie zu sammeln und diese erst nach ein paar Monaten mit bewegten Übungen wie den 18 Lohan Händen zirkulieren zu lassen.

Diese Vorgehensweise hat sich in vielen Fällen bewährt, birgt jedoch auch ein Risiko. Vorhandene Blockaden können nämlich durch hinzufügen von mehr Energie verstärkt werden.

Dank der Erkenntnis unseres Großmeisters, gehen wir in Shaolin Wahnam den umgekehrten Weg. Die bewegten Übungen zu Beginn sorgen dafür das Energiesystem auf sichere und sanfte Weise von Blockaden zu befreien. Erst nach dieser Vorbereitung widmen wir uns den statischen Posen, in denen wir dank der vorhergehenden Reinigung, noch viel effizienter und sicherer innere Kraft sammeln können.

Das „Small Universe“ (mikrokosmischer Orbit) ist eine Basisfähigkeit

Manche LehrerInnen sind der Meinung, dass zu allererst der kleine universelle Kreislauf entlang der Ren- und Du-Meridiane durchbrochen werden muss. Erst dann soll man wirkungsvoll praktizieren können.

Dabei ist das „Small Universe“ eine der fortgeschrittensten und höchsten Künste überhaupt.

Nicht nur, dass die Chancen sehr gering sind als Anfänger diese Fähigkeit zu erlangen, die Vorgehensweise ist ineffizient und nicht ganz ungefährlich.

In unserer Schule erleben wir laufend die Widerlegung dieser Annahme. Viele unserer SchülerInnen haben unglaubliche Erfolge erreicht, die vom Blickpunkt der westlichen Medizin nur als Wunder bezeichnet werden können. Dazu mussten sie lediglich bei einem Basiskurs vergleichsweise niedrige Qi Gong-Künste, wie den Qi Flow zu erzeugen oder die 18 Juwelen, erlernen.

Das „Small Universe“ sollte für fortgeschrittene Praktizierende reserviert bleiben, die zuvor bereits die gröbsten Blockaden bereinigt und genügend Energie gesammelt haben, um die Energie in den beiden Meridianen überschwappen zu lassen.

Um Erfolge zu erzielen ist es notwendig die Formen perfekt auszuführen

Die meisten Schulen legen größten Wert auf perfekte Ausführung der Qi Gong-Techniken. Nur so soll der Nutzen gewährleistet sein.

Wer jedoch die 10/30/60-Regel kennt und versteht, erkennt schnell, dass die Bewegung zwar nicht egal, aber die am wenigsten wichtige Komponente bei der Praxis ist.

Nur 10% des Nutzens werden durch die Form generiert, 30% durch den Atem (welcher die Energie transportiert) und 60% durch den Geist. (mehr dazu im Artikel die 3 Schätze des Körpers im Qi Gong)

Dank diesem Verständnis, können wir uns in Shaolin Wahnam die erste der „3 goldenen Regeln“ leisten, nämlich „keine Sorgen machen“. Diese bezieht sich auch auf die äußere Form.

Häufig kommt es bei uns auch vor, dass die Bewegung durch den kraftvollen inneren Energiefluss beeinflusst wird. So sind ein spontanes, sanftes Schwingen oder auch Vibrationen während dem Üben keine Abzugspunkte bei der „Benotung“, sondern vielmehr eine Manifestation wirkungsvoller und richtiger Ausführung.

Qi Gong Übung Berge schieben, Großmeister Wong Kiew Kit

Gute äußere Form ist hilfreich, entscheidend sind jedoch die inneren Fähigkeiten.

Die Qi Gong-Praxis benötigt Aufwärmübungen

Entgegen weit verbreiteter Meinung, ist es nicht nötig sich für Qi Gong aufzuwärmen. In Shaolin Wahnam tun wir das nicht einmal bei der Ausübung unserer Kampfkünste.

Und doch ist ein 20-minütiges Aufwärmprogramm, in dem Muskeln und Gelenke gelockert werden, durchaus Gang und Gäbe. Da sind wir bereits mit der gesamten Praxis fertig und können andere schöne Dinge genießen.

Auch das Öffnen von Energietoren/-punkten sowie das Abklopfen von Meridianen ist absolut nicht notwendig. Genau darum soll sich schließlich der Energiefluss selbst kümmern.

Diese Praktiken sind ein eindeutiges Zeichen dafür, dass viele Qi Gong-Stile von niedrigem Niveau sind, weil sie diese zeitaufwändige Hilfestellung offenbar benötigen.

Energie aus dem Boden ziehen

Glücklicherweise sind jene, die behaupten in der Qi Gong-Praxis sei es nötig Energie aus der Erde zu ziehen, dieser Fähigkeit nicht mächtig. Direkt aufgenommene Erdenergie ist nicht für uns Menschen geeignet. Wir leben von kosmischer Energie und atmen diese mit jedem Atemzug ein.

Erdenergie ist nicht zu verwechseln mit „grain energy“ (Getreide-/Kornenergie), welche im Westen fälschlicherweise mit Erdenergie übersetzt werden könnte. Diese „Nahrungsenergie“ ist die zweite wichtige Komponente in unserer Energieversorgung.

Der Grund, warum wir bei der Praxis stets Schuhe tragen sollten, ist übrigens, damit während dem Üben keine Erdenergie einsickert.

Qi Gong benötigt viel Zeit

Damit sind wir auch schon bei einem weiteren Irrglauben. Qi Gong und anderen Meditationsformen gelten als zeitintensiv, was wohl auch auf das große Angebot an ineffizienten Stilen zurückzuführen ist. Der tägliche Aufwand ist bei authentischem, hochwertigem Qi Gong jedoch sehr gering. Alle, die bereit sind sich etwas Gutes zu tun, werden zugeben, dass sich eine Viertelstunde am Tag immer ausgeht. Egal wie viel man zu tun hat.

Wenn dir dein Lehrer/deine Lehrerin also rät, 1-2 Stunden am Tag zu trainieren, und insbesondere wenn du dabei auch noch wenig Wirkung verspürst, solltest du in Frage stellen, ob der Stil wirklich authentisch ist oder doch nur eine weitere Version sanfter Gymnastik.

Was natürlich stimmt, ist dass der Weg zur Meisterschaft lang ist, aber unterwegs wirst du immer wieder mit wundervollen Erfahrungen und Erfolgen belohnt.

Sifu Leo

Autor: Sifu Leonard Lackinger

 



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