Häufige Irrglauben und Fehlinformationen zu Qi Gong Teil 1


Authentische Energiearbeit oder billiger Abklatsch?

Das Verständnis einer Kunst besteht aus einer Mischung aus mitgeteiltem Wissen und persönlicher Erfahrung.

Dank der direkten Übertragung und schriftlichen Überlieferungen repräsentieren die Shaolin-Künste heute das gebündelte Wissen unzähliger Meister aus 15 Jahrhunderten. Leider wurden diese in China im Zuge der Kulturrevolution von der kommunistische Partei zunächst verboten und später in einer entfremdeten, auf Äußerlichkeiten bedachten Variante wiederbelebt. Im Westen wurden sie durch Einflüsse der New Age-Bewegung und anderer Energiekünste abgeändert oder mit der nicht kompatiblen westlichen Weltanschauung und Medizinlehre fehlgedeutet und verfälscht.

Wie kann man heutzutage wissen welche der vielen Schulen, Stile und Lehrer noch der ursprünglichen Tradition folgen oder doch nur einen verwässerten Abklatsch weitergeben, besonders da der sichtbare Teil, die äußere Form, meist identisch ist?

Der beste Indikator ist, ob man mit der Ausübung einer Kunst die Erfolge erlangt, die sie verspricht. Zunächst sollte man aber wissen was mit dieser Kunst alles möglich ist und sich nicht nur mit den geringsten Nutzen zufrieden geben. Qi Gong soll langfristige, robuste Gesundheit und Vitalität sowie einen klaren Geist verschaffen und nicht bloß die Beweglichkeit fördern und kurzfristige Entspannung vermitteln.


Shaolin Qi Gong Übung Pfeile schießen

Die korrekte Ausführung der Techniken ist von Vorteil,
aber bei Weitem nicht das Wichtigste im Qi Gong.


Theorie und Zielsetzungen sollten stets durch eigene Erfahrung bestätigt werden. Diesem Test halten viele Stile und Lehren leider nicht stand, wie uns zahlreiche unserer Schüler nach Erlebnissen in anderen Schulen berichten.

Mit dieser Serie an häufigen Irrglauben und Fehlinformationen zu Qi Gong, wird es einfacher minderwertige Stile und unerfahrene Lehrer zu entlarven und die wenigen, authentischen Schulen und Meister zu finden. Eine Kunst oder Ausübungsform, die keine oder nur geringe Nutzen verschafft, kann nicht authentisch sein, da sie sonst längst während der Jahrhunderte langen Evolution der Künste ausgesiebt worden wäre.

Dadurch, dass ein großer Teil der vermeintlichen Qi Gong-Praktizierenden eigentlich nur sanfte Gymnastik und nicht Energiearbeit betreibt, und weil viele zu unterrichten beginnen bevor sie selbst angemessene Tiefe in ihrer Praxis erreicht haben, ist das öffentliche Bild und allgemeine Niveau von Qi Gong erschreckend niedrig angesiedelt.

Viele Lehrer versuchen fehlendes Können und Schwächen ihres Stils durch aus dem Zusammenhang gerissenem Wissen und unfundierte Theorien zu kompensieren. Durch unnötige oder gar falsche Anweisungen bremsen sie - sicherlich oft unbewusst – den Fortschritt ihrer Schüler aus. Dabei meinen sie es zwar sicher gut mit ihren Schülern, tun der langen Tradition der Energiekünste aber nicht Gutes damit und verfestigen viele Irrglauben und Fehlinformationen.


Hier einige Beispiele dafür:


Chi = Atem

Häufig wir Chi fälschlicherweise mit Atem übersetzt. Atem ist zwar eine der möglichen Übersetzungen des chinesischen Zeichens für Chi (氣), auf die Qi Gong-Praxis bezogen ist damit aber nicht die moderne Interpretation von Atem, nach welcher Sauerstoff eingeatmet und Kohlendioxid ausgeatmet wird, sonder vielmehr der Austausch von Energie gemeint.

Aufgrund dieser falschen Übersetzung verstehen manche „Qi Gong“ als Atemübung. Sinngemäß bedeutete es jedoch „Kunst der Energiearbeit“.


Chi existiert nicht

Daher ist es um so verwunderlicher, dass selbst so mancher westliche Qi Gong- oder Tai Chi-Lehrer die Existenz von Energie anzweifelt und versucht die Auswirkungen auf westliche Weise zu erklären. So wird gerne erwähnt, dass sich der Sauerstoffgehalt im Blut erhöht und Stresshormone sowie Entzündungswerte abnehmen. Diese Wirkungen sind zwar richtig, aber nur ein Symptom bzw. der Effekt des verbesserten Energieflusses, der die Grundlage jeder Wirkung in der TCM, und damit auch im Qi Gong, ist.

Selbst die westliche Wissenschaft ist sich einig, dass jegliche Materie, von Flugzeugen über Menschen bis hin zu Atomen in der Luft, im Grunde aus Energie besteht. Daher ist es schlichtweg ignorant Chi nicht anzuerkennen.

„Meister“, die zwar die Techniken des Qi Gong oder Tai Chi lehren, aber die Existenz von Chi bestreiten oder gar als Esoterik abstempeln, haben es offensichtlich selbst noch nicht erlebt. Ihre Praxis und Lehre beschränkt sich also nur auf die am wenigsten wichtige, die physische Ebene. Da sie daher kein authentisches Qi Gong praktizieren, sollten sie lieber ihre eigene Praxis, anstatt Energie generell, in Frage zu stellen.


Qi Gong ist eine Entspannungstechnik

Viele denken, dass Qi Gong nur dazu dient um sich nach einem stressigen Arbeitstag entspannen zu können.

Entspannung ist aber nicht das Ziel von Qi Gong, sondern vielmehr die Voraussetzung um überhaupt authentische Energiearbeit betreiben zu können.

Qi Gong ist ein wichtiges Standbein der Traditionellen Chinesischen Medizin und hat daher viel mehr zu bieten als nur „runterzukommen“.


Quantität vor Qualität

Besonders im Westen wird Können häufig mit der Menge erlernter Techniken und intellektuellem Wissen gleichgesetzt. Entscheidend sind aber vielmehr Fähigkeiten, die man sich durch die Praxis erarbeitet.

Jemand, der es schafft mit 5 schlampigen Wiederholungen der Qi Gong-Übung „Himmel anheben“ seinen Energiefluss anzuregen ohne zu wissen wozu, hat deutlich mehr erreicht als jemand, der zig Übungen wunderschön ausüben und deren genauen physiologischen und energetischen Mechanismen erklären kann, damit aber lediglich seine Muskeln und Gelenke lockert und keine Qi Gong-Nutzen erfährt.

Ideal ist natürlich eine gute Mischung aus Können und Verständnis, wobei Fähigkeiten stets der Vorzug gewährt werden sollte.

Auch bei der Übungsdauer gilt bei uns „weniger ist mehr“. Während wir unsere Schüler anweisen täglich zu üben, betonen wir stets es nicht zu übertreiben und zu riskieren ins Übertraining zu geraten.


Zur Mittagszeit / in der Sonne üben

Manche Schulen und Bücher weisen Schüler an zur Mittagszeit und/oder in der prallen Sonne zu üben. Dies ist ein klarer Indikator dafür, dass ihre Praxis von niedriger Qualität ist.

Kung Fu- und Qi Gong-Meister in der Vergangenheit standen weit früher als andere auf, um während dem Sonnenaufgang, der besten Tageszeit für die Praxis, üben zu können.

Während der Mittagszeit und in der prallen Sonne sind Strahlung und Energiedichte am höchsten. Wer hochwertiges, authentisches Qi Gong praktiziert, läuft Gefahr sich zu überladen. Bei wirkungslosem gymnastischen „Qi Gong“ ist es jedoch egal, weil ohnehin kein merkbarer Effekt erzeugt wird.


Qi Gong im Halbschatten

Angenehm und ideal ist es Qi Gong
im Halbschatten zu praktizieren.


Qi Gong kann man aus Büchern oder von Videos lernen

Ja, man kann die äußere Form, also die Bewegungen, oft sehr einfach aus gut geschriebenen Büchern, von Lehr-DVDs oder gar YouTube-Videos lernen. Damit allein kann man aber noch nicht Qi Gong, also Energiearbeit, praktizieren.

Der Unterschied ist für Laien äußerlich nicht zu erkennen. Daher verwundert es nicht, dass so viele Menschen denken, sie könnten eine der höchsten Künste, die die Menschheit hervorgebracht hat, im Selbststudium erlernen. Dass viele anschließend denken, ihr Erlerntes auch weitergeben zu können, hat zum rapiden Verfall der Künste geführt.

Was Qi Gong zur Energiearbeit macht, sind Fähigkeiten. Diese sollten immer von einem Meister oder zumindest einem guten und erfahrenen Lehrer übertragen werden. Dieser Weg ist viel sicherer, bei Weitem effizienter und hat sich über Jahrhunderte bewährt.


Fazit

Dies war der erste von drei Teilen zu häufigen Irrglauben, verwässerten Methodiken und Fehlinterpretationen rund um Qi Gong.

Diese Artikelreihe hat nicht zum Ziel andere hart arbeitende Lehrer abzuwerten. Es ist uns allerdings ein großes Anliegen darauf hinzuweisen, dass viele der angebotenen Stile schon weit von der ursprünglichen Kraft und Wirksamkeit abweichen. Der falsche Eindruck, der dadurch entsteht, schadet leider auch dem Ruf der wenigen authentischen Schulen und hält viele nach wirkungslosen Versuchen davon ab weiter zu suchen.

Vielen ist leider nicht bewusst, dass Qi Gong weit mehr ist als das Ausführen lockerer Gymnastikübungen.

Da es unsere Aufgabe ist die ursprünglichen Künste und deren Nutzen zu bewahren und weiterzugeben, sollen diese Artikel dabei helfen, hohle Anweisungen und dürftige Theorien zu identifizieren. Es freut mich, wenn diese Hinweise auch Praktizierenden anderer Schulen helfen die Effektivität Ihrer eigenen Praxis zu verbessern.

Hier geht es weiter zu Teil 2.


Autor: Sifu Leonard Lackinger

 




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