Alles über innere Kraft Teil 10


Weitere Klassifizierungen



In manchen Kung Fu-Stilen wird innere Kraft in diverse Kategorien eingeteilt. Hier zwei prominente Beispiele.


Die 12 Brücken des Iron Wire

Einer der bekanntesten südlichen Shaolin-Stile ist das Hoong Ka Kung Fu (oftmals Hung Gar oder Hung Kuen). Wir sind froh die wichtigsten Sets dieses Stils in unserem breiten Repertoire zu haben. Das hochwertigste Set daraus ist das Iron Wire Set (Eisendraht-Set).

 

Es dient dazu die 12 Brücken (engl. Bridges) zu trainieren.

Diese werden im folgendem kantonesischen Zweizeiler zusammengefasst:

Kong yow pik cheit fun ting chun
Tai lau wan chai ding thien khuen

Hard soft press straight separate stable inch
Lift keep circulate control match the cosmos

Hart weich pressen gerade aufteilen stabil Zoll
Anheben festhalten zirkulieren kontrollieren angleichen den Kosmos

Hart und weich sind zwei generelle Unterscheidungen, welche in Teil 6 näher erläutert werden. Jede der anderen Typen kann hart oder weich sein. So kann man weiche gerade Kraft anwenden oder auch harte gerade Kraft.

„Zähmt“ man die Arme des Gegners mit einer Tigerkrall und greift mit einem Schlag der anderen Hand an, wendet man „Pik“ bzw. „pressen“ an.


Iron Wire Set Pik

Durch „Pik“, die pressende Kraft, gerät der Gegner in Bedrängnis.


„Cheit“ repräsentiert „gerade“ Schläge, wie zum Beispiel „Black Tiger Steals Heart“.

„Fun“ oder „aufteilen“ kann man verwenden, um einen Griff zu lösen. Die kreisende Bewegung zwingt den Angreifer dazu loszulassen, um selbst keine Schmerzen zu erleiden.

„Ting“ oder „stabil“ wird verwendet, um den Gegner unter Kontrolle zu halten. Wenn wir unseren Arm beispielsweise mit „Single Tiger Emerges from Cave“ auf den gegnerischen Arm legen, „stabilisieren“ wir die Situation und können die Bewegung und Intention des Gegners fühlen.


Iron Wire Set Ting

„Ting“ lässt uns die Situation unter Kontrolle halten,
wie hier mit „Single Tiger Emerges from Cave“.


„Chun“ ist die Kraft, die dem Gegner auch aus wenigen „Zoll“ Entfernung Schaden zufügen kann. Eine gute Gelegenheit hierfür kann es sein, sich beim Schlag des Gegners von den zuvor gekreuzten Händen wegzuducken und mit der Schlangenhand aus großer Nähe den Hals oder Kopf anzugreifen, zum Beispiel mit der Pattern „Sideway Inch Bridge“.

„Tai“ steht für alles, was „angehoben“ wird. Das gilt zum Beispiel auch für den Hakenschlag „Hang a golden Star at a Corner“, bei dem die Faust auf die Schläfenhöhe des Gegners angehoben wird.

„Lau“ ist die Kraft, mit der man den Gegner festhält. Hierfür können verschiedenste Techniken verwendet werden. Zum Beispiel, wenn man die Arme des Gegners mit „Hide Flowers in Sleeves“, einer typischen Abwehrtechnik, einspannt.


Iron Wire Set Lau

Hier kommt die Kraftart „Lau“ zum Einsatz.


„Wan“ steht für „zirkulierende“, fließende Energie. Diese ist ganzheitlich einsetzbar. Ganz gleich, ob man sein Qi kanalisiert, um den Gegner mit einer Tigerkralle festzuhalten, oder um einen Schlag anzubringen.

Die Kraft „Chai“ wird angewandt, um den Gegner zu „kontrollieren“. Sie ist die „harte“ Alternative zur ähnlichen, aber weichen „Ting“-Kraft („stabilisieren“). Ein gutes Beispiel, um „Chai“-Kraft zu entwickeln, ist „Control Bridge“.

„Ding“ bedeutet die Kraft dem Gegner „anzugleichen“. Dies kann auf verschiedenste Weise geschehen. Sei es durch vergleichsweise weiches „lehnen“ auf den gegnerischen Arm oder durch „Lift Pot to Offer Wine“, indem man den Arm des Angreifers kräftiger ableitet und dann mit einem Schlag zum Gesicht kontert.


Iron Wire Set

Die „Match Bridge“ trainiert die Kraft anzugleichen.


Tai Chi Chuan

Im Tai Chi Chuan ist von 8 (oder mehr) verschiedenen Arten von innerer Kraft die Rede. Diese stimmen mit den 8 Basis-Handtechniken überein, die zusammen mit den 5 Beintechniken die, wahrscheinlich von Zhang San Feng stammenden, 13 Grundtechniken des Tai Chi Chuan ergeben.

Die 13 Grundtechniken des Tai Chi Chuan beschreiben Prinzipien. Das kann zum Beispiel eine Bewegungsrichtung oder eine Art der Anwendung sein.

Die 8 Tai Chi Chuan-Handtechniken bzw. -Grundprinzipien sind:

  • Peng (abwehren / ableiten)
  • Lu (zurückrollen)
  • Chi (vorwärts drücken)
  • An („in Kontakt“ oder oft auch schieben genannt)
  • Lie (aufteilen)
  • Cai (greifen)
  • Zhou (Ellbogen)
  • Kao (Anker, oft auch Schulterstoß genannt)


In Bezug auf diese Prinzipien werden oft auch Typen innerer Kraft wie zum Beispiel „Peng Jin“ assoziiert. Also Kraft, die eingesetzt wird, um Angriffe abzuleiten oder auch abzufedern.


Tai Chi Chuan, aufteilen

Das Lie-Prinzip (aufteilen) im Tai Chi Chuan.


Alles von der gleichen Quelle

Entgegen der häufigen Fehlinterpretation bezieht sich diese Unterscheidung nicht auf die Art der gespeicherten Energie, sondern lediglich auf deren Anwendung. Egal ob wir ob wir das Geld, das wir ausgeben, also als Benzingeld, Urlaubsgeld oder Haushaltsgeld bezeichnen, schlussendlich kommt es immer von der gleichen Quelle, dem Bankkonto.

Viele denken, die jeweilige Kraft sei unabhängig von den anderen und jede müsse eigenständig aufgebaut werden. Glücklicherweise können wir, wieder einmal dank unseres Chi Flow, aber auch eine Kategorie verbessern, während wir eine andere trainieren. Dies funktioniert, weil wir durch das Training der einen Art mehr universell einsetzbare Energie zur Verfügung haben, die wir dann auch anderen Zwecken zuführen können. Ohne den Chi Flow als Konverter müssten wir jede der Klassen separat aufbauen.

Die jeweilige Anwendung muss natürlich trotzdem trainiert werden. Auch sind die zugehörigen Trainingstechniken selbstverständlich am besten geeignet, um eine bestimmte Kraft weiter zu stärken.


Autor: Sifu Leonard Lackinger

 

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Links:

12 Bridges of Iron Wire in Tiger-Crane and Taming-Tiger Set
Revealing the secrets of the Twelve Bridges of the famous Iron Wire Set
Irone Wire Set - Picture Series
Cloud Hands Grasp Sparrow - Question & Answer 4


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