Die 4 Dimensionen des Kampfkunst-Trainings


Das Training einer Kampkunst sollte stets vier wichitge Aspekte beinhalten.

Die 4 Dimensionen der Kampfkunst sind:

  • Form bzw. Technik
  • Kraft und Fähigkeiten
  • Anwendung
  • Theorie und Philosophie


Form bzw. Technik

Kung Fu Form Dieser Aspekt beinhaltet die äußeren Bewegungen, also die Praxis von einzelnen Techniken wie Schlägen und Tritten sowie das Training von Sets (Formen, Choreographien).

Ohne zuvor die korrekte Ausführung von Techniken zu lernen würde man einfach instinkitv und ineffizient kämpfen und sich dabei ständig selbst in Gefahr bringen. Die Techniken des Shaolin Kung Fu und Tai Chi Chuan sind die Kristallation einer mehrere Jahrhunderte währenden Evolution und daher höchst effektiv.

Im Kung Fu hat das Solo-Training von Sets (Abfolgen mehrerer Techniken) großen Stellenwert.

Eine bekannte Kung Fu-Redewendung ist:

vom Formlosen zur Form,
von der Form zum Formlosen

Bevor jemand eine Kampfkunst erlernt hat kämpft man formlos, also unkontrolliert und planlos. Dann erlernt man Kung Fu-Techniken, die einem die besten Vorteile im Kampf bieten. Wenn man die Techniken gemeistert hat, kann man sie modifizieren und so an die jeweilige Kampfsituation anpassen.

Leider wird diese Redewendung oft falsch interpretiert und so ausgelegt, dass das Training von Formen unnötig sei.

Die korrekte Ausführung von Techniken ist aber natürlich nur einer der wichtigen Aspekte.


Kraft und Fähigkeiten

Die besten Techniken nützen nichts, wenn sie nicht durch Kraft gestützt werden. Selbst im Tai Chi Chuan, wo mit geringem Kraftaufwand große Effekte erzielt werden können, ist ein gewisses Mindestmaß an Kraft unersetzbar.

Für die Entwicklung von Kraft gibt es generell zwei Herangehensweisen:

externes Training: Körpergewichtübungen (Liegestütze, ...), Hanteltraining, Sandsacktraining, Abhärtung
inneres Training: Qi Gong zur Kultivierung des Chi, insbesonere die Standübungen des Zhan Zhuang

Training innerer Kraft, Zhan Zhuang In Shaolin Wahnam verwenden wir fast ausschließlich Methoden des inneren Trainings, das zwar am anfangs mehr Zeit benötigt, aber kein Limit hat. Während die Muskelkraft natürlicherweise ab einem gewissen Alter stetig nachlässt, ist das innere Training grenzenlos. Das ist der Grund warum Kung Fu-Meister im Alter immer besser werden.

Da das Wissen über das innere Training sehr rar ist, sind wir froh über so eine große Auswahl an Übungen und über ein tiefgründiges Verständnis zu verfügen. Die meisten Kampfsportler trainieren ausschließlich extern, oft unter dem Motto "No Pain, No Gain" ("kein Schmerz, kein Vorankommen"). Der Vorteil unserer inneren Methoden ist, dass sie schmerzfrei sind und wir so unser Training richtig genießen können.

Das "Kung" in Kung Fu und Chi Kung (andere Schreibweise für Qi Gong) steht einerseits für Arbeit und Übung, aber auch für Können, Kraft und Fähigkeiten.

Neben der Kraft sind auch Fähigkeiten wie Beweglichkeit, Schnelligkeit, Reaktion, Wahrnehmung, Sensitivität und richtiges Distanzgefühl wichtig um eine Technik zum Leben zu erwecken.


Anwendung

Die Technik immer nur alleine zu üben wird niemals dazu führen, dass man sie im Kampf auch tatsächlich anwenden kann. Dafür ist es einerseits wichtig ein Verständnis für die Anwendung aufzubauen. Andererseits ist das Training mit einem Partner unerlässlich.

Shaolin Kung Fu Anwendung Leider ist es heute die Norm, dass Kung Fu- und insbesondere Tai Chi Chuan-Prakzierende nicht wissen wie man die gelernten Techniken anwendet bzw. die Anwendbarkeit überhaupt in Frage gestellt wird. Viele bedienen sich deshalb im Kampf den einfacheren Techniken aus dem Kickboxen, obwohl sie Kung Fu oft wunderschön vorführen können. Der Grund dafür liegt zumeist in der Lehrmethodik.

In Shaolin Wahnam trainieren wir zuerst die einzelnen Techniken mit Partner und verketten anschließend mehrere Techniken zu einer Kampfsequenz. So werden Reaktionen automatisiert, man bekommt Vertrauen in die Techniken und kann sich schlussendlich ohne Zuhilfenahme von fremden Techniken mit authentischem Kung Fu verteidigen.

Die Anwendungen des Shaolin Kung Fu und Tai Chi Chuan reichen von einfachen Angriffs- und Abwehrtechniken bis hin zu ausgeklügelten Würfen und Griffen, die den Gegner zwar rasch überwältigen oder fixieren, ihm dabei aber keinen Schaden zufügen.


Theorie & Philosophie

Neben den Grundsätzen für ein Leben mit hohen moralischen Werten, sind auch Taktik und Strategie wichtig um im Kampf bestehen zu können.

Taktiken beziehen sich eher auf kurzfristige Finten und Fallen, wie dem Gegner absichtlich eine Öffnung zu lassen und dann den erwarteten Angriff zu kontern.

Strategien geben einen generellen Plan vor, wie den Gegner überhaupt nicht zum Zug kommen zu lassen oder ihn im Gegensatz müde werden zu lassen bevor man die entscheidende Attacke startet.

Die Prinzipien des Kampfes lassen sich auch nahtlos in den Alltag integrieren, was heutzutage glücklicherweise viel wichtiger und praktikabler ist.

Das höchste Ziel von Shaolin Kung Fu und Tai Chi Chuan ist es die Erleuchtung zu erlangen. Selbst wer dieses Ziel nicht anstrebt, kann von vielen weiteren Nutzen, wie einer robusten und ganzheitlichen Gesundheit sowie Geisteskraft, profitieren. Meister erfahren ein langes, erfülltes Leben und genießen auch das Alter voller Energie.


Häufige Abweichungen

Die meisten Menschen, die heutzutage über Kung Fu sprechen oder es trainieren, meinen unwissentlich eigentlich den modernen chinesischen Volkssport Wushu. Bei Shows, Turnieren und Filmen bekommt man wunderschöne Wushu-Darbietungen, oft mit beeindruckenden akrobatischen Einlagen, zu sehen.

Wushu So imposant Wushu ist, so ist es das perfekte Beispiel dafür, dass nur eine der 4 Dimensionen der Kampfkunst beachtet wird, die Form. Egal wie schön die Darbietungen sind, die Praktizierenden haben zumeiste keinerlei Ahnung von der Anwendung was ihre Ausübung der Kunst zu einem Tanz macht. Die meisten Turniersportler treten spätestens mit 25 zurück, da ihr Körper völlig ausgelaugt ist, was das Fehlen der Philosophie verdeutlicht. Anschließend werden sie Trainer und quälen die nächste Generation. Die Kultivierung von Körper und Geist sind vollständig aus dem Trainingsalltag verschwunden.

Das andere Extrem ist das chinesische Kickboxen, im Vollkontakt Sanshou und im Leichtkontakt Sanda genannt. Das gänzliche Fehlen von klassischen Ständen zeigt, dass dies nichts mit traditionellem Kung Fu zu tun hat, sondern vielmehr von westlichen Kampfsportarten inspiriert ist. Natürlich werden hier auch rudimentäre Taktiken und Strategien angewandt, die aber ebenfalls vom westlichen Boxen übernommen wurden.

Diese beiden modernen, chinesischen Disziplinen wurden für Turnierzwecke entwickelt um einen sportlichen Vergleich zu ermöglichen. Ironischerweise üben sich viele Sportler sowohl im demonstrativen Wushu als auch im kampforientierten Sanshou. Man könnte meinen, dass dadurch Yin & Yang wieder vereint wären, aber leider zielen beide Pole weit an ursprünglichem Zweck, Umfang und Tiefe von traditionellem Kung Fu vorbei. Beide Disziplinen gefährden die Gesundheit, die tanzartigen Demonstrationen haben dazu beigetragen, dass Kung Fu nicht mehr als effektive Kampfkunst angesehen wird und im Kickboxen begnügen sich die Kämpfer mit vergleichsweise minderwertigen Techniken.

MMAIn westlichen Kampfsportarten steht zumeist die Effektivität im Vordergrund. Philosophie und spirituelle Entwicklung sind nicht vorgesehen. Besonders im moderenen MMA (Mixed Martial Arts) zeigt sich eine Abart des Kampfsports. Die oft brutalen Kämpfe veranschaulichen, dass kein Wert auf Mitgefühl und moralische Grundsätze gelegt wird. Die Kämpfer sind zweifellos durchschlagskräftig, aber die Auseinandersetzungen gleichen eher dem Aufeinandertreffen zweier Barbaren als der Ausübung einer Kampf- und Lebenskunst.

Ein weiteres Phänomen, besonders im Westen, ist es die Philosophie der Kampfkünste aus Büchern zu studieren. Dies kann in manchen Bereichen sicher hilfreich sein, es befriedigt aber ausschließlich den Intellekt und hat nichts mit der Verkörperung des Lebenswegs einer Kampfkunst zu tun. Theorie und Praxis müssen immer Hand in Hand gehen.


Fazit

Um idealen Fortschritt und Sicherheit für den Praktizierenden und seine Umwelt zu gewährleisten, sollten stets die 4 Dimensionen im Kampfkunstraining beachtet werden.

Das Training soll Körper und Geist stärken und nicht zerstören. Es soll effektive Selbstverteidigung unter Berücksichtigung der eigenen und des Gegners Sicherheit vermitteln.

Die Philosophie und moralischen Grundsätze sollen lehren, dass der Kampf nicht das Ziel ist, sondern nur der letzte Ausweg, damit die Künste niemals missbraucht werden.


Autor: Sifu Leonard Lackinger

 




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Links:

The Four Dimensions of Kung Fu, Chi Kung or any art
Clearing the confusion over Kung Fu, Wushu and self-defence
KaiJet Blog: Die Shaolin-Geschäftsidee


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