Vom Formlosen zur Form, von der Form zum Formlosen


Wie man lernt mit klassischem Kung Fu zu kämpfen
Teil 6


Shaolin Kung Fu Sparring

Im freien Kampf dürfen sich die Techniken an die Gegebenheiten anpassen, solange man sich der möglichen Risiken bewusst ist.


„Kung Fu ist lebendig.“

Dieser häufige Ausspruch in unserer Schule erinnert uns daran, dass bei allem Streben nach Perfektion der Form, Kampfkunst nicht starr, also leblos, sein sollte. Wenn es die Situation erfordert, müssen die Techniken angepasst werden.

Wenn der Gegner mit einem Kick angreift, verwenden wir im Tai Chi Chuan gerne „White Crane Flaps Wings“, um in den „False-Leg Stance“ zurückzuweichen. Ist der Gegner aber näher an uns dran als üblich, ziehen wir den vorderen Fuß noch weiter zurück in einen „T-Step“. Ist das immer noch nicht weit genug weg, bringen wir den Fuß zurück in einen „Unicorn Stance“. Die Pattern ist weiterhin „White Crane Flaps Wings“, aber die Ausführung ist an die Situation angepasst.

Der Kick „Yellow Bird Plays with Water“ zielt üblicherweise auf den Schritt des Gegners ab. Ist der Gegner aber etwas zu weit weg oder zieht sich gerade zurück, können wir den Kick anpassen und auf den Bauch oder Solar-Plexus zielen. Dabei verwenden wir statt dem Risst die Zehen.

Die hintere Hand, auch „Ministerhand“ genannt, ist in jeder Technik in einer bestimmten Haltung und Positionierung definiert, zumindest wenn wir alleine unsere Form üben. In der Anwendung muss die Hand aber dort hin wo sie benötigt wird, um den Gegner abzudecken.

Starten wir mit einer Attacke und bemerken unterdessen, dass der Gegner bereits darauf reagiert, stoppen wir den ersten Angriff und fließen ohne Umschweife einfach in die nächste Attacke weiter.

Die Anwendung wird so immer formloser. Wichtig ist dabei, dass die Änderungen Vorteile verschaffen ohne ein zusätzliches Risiko einzugehen.


Betrunkenes Kung Fu

Einen Schritt weiter geht das „Drunken Kung Fu“. Hierbei verlässt man ebenfalls bewusst die angestammte Form der Techniken.

Früher wohl durchaus von Kung Fu-Meistern entwickelt, die gerne mal ein paar Gläser getrunken hatten, hat es sich zu einem beliebten und gerngesehenen Stil entwickelt. Ich persönlich sehe es eher als Chi Flow-Kung Fu an. Man lässt die Energie einfach frei fließen und lenkt sie in die gewünschte Bewegung.


Drunken Kung Fu

Im Drunken Kung Fu kann es zu ungewöhnlichen Attacken kommen.


Das „Drunken Eight Immortals Set“ unserer Schule ist ein wahrer Schatz an verschiedensten Werkzeugen für unterschiedlichste Situationen. Viele Tricks, Fallen, überraschende Angriffe und Konter, Griffe und Grifflösungen, Würfe, sowie Fallschule und Bodentechniken sind darin gesammelt.

Die veränderte Form verschafft Überraschungsmomente, ungewöhnliche Angriffswinkel und größere Reichweite. Die fließenden, runden Bewegungen machen einen zusätzlich schwer berechenbar.


Vom Formlosen zum Formlosen?

Warum muss man sich dann anfangs so bemühen die Form richtig zu machen, wenn man sie später ohnehin wieder freilassen kann und soll? Warum kann man nicht gleich direkt das „betrunkene Kung Fu“ erlernen?

Zuerst ist es wichtig die Standardausführung zu kennen, bevor man sich an die Variation wagt. Es muss einem bewusst sein, welche Risiken man mit den Abänderungen eingeht, um darauf vorbereitet zu sein, wenn der Gegner die Chance ergreifen möchte.

Der „immer siegreiche“ Yang Lu Chan, der Begründer des Yang-Stil-Taijiquan, soll bei seinen vielen Kämpfen und Herausforderungen nichts anderes als die wenigen Techniken aus „Grasping Sparrow’s Tail“ verwendet haben, das auch unser Basisset ist. Dies war ihm aber nur möglich, weil er bereits über ein umfassendes Wissen und Können verschiedenster Techniken und Anwendungen hatte. Schließlich konnte er sich auf ein kleines Repertoire und wenige Prinzipien beschränken, indem er die Form einfach an die Gegebenheiten anpasste.

Die korrekte Ausführung der Standardform bildet außerdem die Basis, auf die wir jederzeit zurückgreifen können, wenn wir in Bedrängnis geraten.

Im Laufe der Zeit erlaubt uns die Kampfkunst aber frei zu fließen und uns stets an die aktuellen Anforderungen anzupassen, sowohl im Kampf als auch in allen anderen Bereichen des Lebens.

„Vom Formlosen zur Form, von der Form zum Formlosen“.


Kung Fu Formlos


Autor: Sifu Leonard Lackinger

 

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