Umgangsformen mit einem (chinesischen) Meister


Meister Etikette beim Essen

Ich nehme Großmeister Wong Kiew Kit’s Seminar im Mai 2013 zum Anlass um über die traditionelle Etikette im Umgang mit einem Meister/einer Meisterin zu schreiben.

Obwohl Sifu schon seit Jahrzehnten die ganze Welt bereist und dadurch sehr „verwestlicht“ ist, sind trotzdem gewisse, generell respektvolle Umgangsformen angebracht.

Anrede & Begrüßung

Verwende niemals „Mister Wong“, „Sir“, seinen Vor- oder Nachnamen oder dergleichen!

Sprich ihn mit dem deinem Stand in der Schule entsprechenden Titel an.

Wenn du zuerst direkt von ihm gelernt hast, ist dies „Sifu“ (Meister, Vater). Wenn du vorher z.B. von mir oder einem anderen Schüler von Sifu gelernt hast, ist es „Sigung“ (Großmeister, -vater).Shaolin Gruss

Auch deine Geschwister, Tanten und Onkel usw. solltest du mit dem richtigen Titel ansprechen. Hier ein schöne Veranschaulichung des Stammbaums in einer Shaolin-Familie.

Versuche nicht Sifu die Hand zu schütteln oder ihn zu umarmen. Er wird deine Hand einfach ignorieren, da dies in Asien einfach nicht üblich ist. Begrüße ihn mit einer Verbeugung mit gefalteten Händen oder am allerbesten mit dem Shaolin-Gruß (linke Handfläche auf rechter Faust). o\

Im Unterricht

Der Meister betritt als letzter den Raum. Die Schüler sind davor schon aufgestanden und erwarten ihn in einer aufrechten Haltung. In Gutenstein wird seine Ankunft meist kurz zuvor mit einem Gong signalisiert. ;)

Vermeide:

  • beim Sitzen am Boden die Fußsohlen zum Meister schauen zu lassen und die Beine weit zu spreizen.
  • beim Sitzen auf einem Stuhl gekreuzte Beine und Arme
  • im Stehen die Arme seitlich auf die Hüfte aufzustützen (dies kann als Herausforderung gedeutet werden)
  • die Arme zu verschränken.

Sifu ermutigt zum Fragenstellen. Nutze also diese seltene Gelegenheit!

Beachte dabei folgendes:

  • Stelle klare Fragen und komme auf den Punkt.
  • Sprich laut und deutlich, sodass auch alle anderen im Raum dich verstehen können.
  • “Don’t try to be smarter than the master!” - Drücke dich immer respektvoll aus und stelle ihn nicht in Frage! Du kannst natürlich erwähnen, dass du mal etwas gelesen oder gehört hast und ihn um seine Meinung zu dem Thema bitten, beginne jedoch nicht mit „Aber es ist doch so, dass...“.
  • Bei den Antworten zuhören, nicht ins Wort fallen und anschließend bedanken.

Viele Menschen im Westen haben den Plan Qi Gong-Lehrer zu werden ohne je praktiziert zu haben. Durch diverse kurzfristige Lehrerausbildungen degeneriert Qi Gong allgemein leider immer mehr. Erwarte also nicht, dass du ein Zertifikat für den Kursbesuch ausgestellt bekommst, das dich zum Unterrichten befähigt. Der erste Schritt ist ein guter Schüler zu sein, alles weitere ergibt sich im Laufe der Zeit. (Ich erwähne dies hier nur, da es schon vorgefallen ist und Sifu nicht gerade erfreut über die Aufforderung war.)

Beim Essen

In Gutenstein gibt es meist keine gemeinsamen Essen. Es kann aber vorkommen, dass man sich in einem Restaurant trifft. Bei internationalen Kursen finden meist ein Welcoming-Dinner sowie ein abschließendes Graduation-Dinner statt.

Etikette zu Tisch

  • Sifu gewährt auch beim Essen immer die Möglichkeit Fragen zu stellen. Ganz in Zen-Mentalität hat sich in Shaolin Wahnam folgendes Zitat eingebürgert: „While the food is not here, we speak. When the food arrives, we eat.”
  • Sifu wählt den Tisch und seinen Platz und anschließend seine ältesten Schüler neben ihm zu sitzen.
  • Sifu bestellt zuerst. Wenn er z.B. die Vorspeise auslässt, lassen diese alle anderen auch aus.
  • Der/Die Jüngste am Tisch schenkt Tee ein.
  • Sifu trinkt und isst (bei jedem Gang) zuerst. Übe dich in Geduld! ;)
  • Nicht sprechen, während Sifu spricht. Schenke ihm volle Beachtung, wenn er seine Weisheit teilt!
  • Lege deine Geldbörse nicht auf den Tisch!
  • Außer wenn Sifu darauf besteht selbst zu zahlen (und die Schüler es zulassen), wird seine Rechnung von den Schülern übernommen. Eine schöne Wahnam-Tradition ist es die gesamte Rechnung durch die Anzahl der Anwesenden (abzüglich Sifu und eventuellen Organisatoren) zu teilen.


All diese Umgangsformen sind natürlich nicht nur im Umgang mit einem Meister hilfreich, sondern bilden eine gute Basis für den respektvollen Umgang mit allen Mitmenschen und fördern die Achtsamkeit. Die Einhaltung der 10 Shaolin-Gesetze sind Voraussetzung, um an Kursen von Shaolin Wahnam teilzunehmen und dienen ebenfalls als guter moralischer Wegweiser.

Sifu Leo

Autor: Sifu Leonard Lackinger

 



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