Fragen und Antworten
Ausgabe 2019-08



Spiel des Vogels

Das Spiel des Vogels ist eine besonders freudvolle Qi Gong-Übung.


Frage 1

Bei all den verschiedenen Tieren, die es gibt, warum wurden ausgerechnet diese fünf für das „Spiel der fünf Tiere“ ausgewählt?

- Gerhard

Das Spiel der fünf Tiere besteht aus Affe, Bär, Hirsch, Vogel und Tiger. Diese wurden von seinem Schöpfer, dem legendären chinesischen Arzt Hua Tou, nicht vorab ausgewählt und anschließend imitiert, wie man denken könnte.

Vielmehr hat Hua Tou seine Schüler in spontane Chi-Bewegungen versetzt oder ihnen gezeigt wie sie das selbst machen können. Wir kennen das heute als „Chi Flow“. Der kraftvolle, innere Energiefluss manifestiert sich in unwillkürlichen körperlichen Bewegungen.

Als genialer Arzt mit guter Beobachtungsgabe, konnte er gewisse Archetypen, also wiederkehrende Muster, in den spontanen Bewegungen seiner Schüler identifizieren. Er stellte fest, dass jene, die fest auf dem Boden aufstampften, hinterher besseren Energiefluss im Nierensystem hatten und nach und nach ihre Ängste überwinden konnten. Dies fasste er im „Spiel des Bären“ zusammen. Andere knurrten wie ein Tiger und waren danach nicht länger depressiv, weil ihre Lunge von der negativen Emotion befreit wurden. Wieder andere flatterten mit den Armen, weiteten ihren Brustkorb, machten dadurch ihrem Herzen Platz und wurden so fröhlicher. Wer schnell herumlief und dabei vielleicht noch mit den Händen eine Art Geweih formte, konnte den Frust, der in der Leber gespeichert war, abbauen. Jene, die affige Bewegungen machten und entsprechende Laute von sich gaben, waren bald frei von Sorgen, weil sie ihr Milz-Magen-System bereinigt hatten.

Hua Tou hätte den stapfenden Bären ebenso gut Elefant nennen können und den Tiger einen Löwen. Das würde keinerlei unterschied auf die Praxis des Spiels der fünf Tiere haben und auch nicht auf dessen wunderbaren Nutzen, speziell wenn es ums Lösen von starken oder alten Gefühlen geht. Tiger sind in China einfach verbreiteter gewesen als Löwen und waren daher wohl naheliegender. Der Vogel könnte auch ein Kranich sein, so wie in den 5 Tieren des Shaolin Kung Fu.

Wir sollten uns also nicht zu sehr von den Namensgebungen verleiten lassen und das freudvolle Spiel der fünf Tiere einfach genießen.

Deine Frage gibt uns aber einen guten Einblick in die fernöstliche Herangehensweise. Im Westen ist es üblich sich zuerst eine Theorie auszudenken, welche man dann versucht in einem praktischen Experiment zu bestätigen.

Im alten China kam zuerst die Praxis. Die Erfahrung daraus wurde dann hinterher zur Philosophie kristallisiert, um das Verständnis zu vertiefen. Die Entstehung des Spiel der fünf Tiere ist ein gutes Beispiel dafür. Ähnliches Geschah im Westen eher unbeabsichtigt, wie bei der Entdeckung von Penicillin oder der Radioaktivität.

Auch die chinesischen Kampfkünste entwickelten sich aus der realen Erfahrung im Kampf auf der Straße oder auf dem Schlachtfeld. Wer überlebt hat, hat das, was ihm zum Sieg verholfen hat, weiter geübt und verfeinert. Was nicht funktionierte, wurde verworfen. Es saß also niemand am Schreibtisch und hat Strichfiguren gemalt, bevor er es am Gegner ausprobiert hat.


Frage 2

Manchmal, nachdem ich ans Dantian denke, ist kurz Ruhe, dann tritt der Chi Flow aber wieder auf.

Wer hat eigentlich die Kontrolle? Der Chi Flow oder man selbst?

- Jürgen

Dein Geist hat immer die Oberhand. Wenn du den Chi Flow wirklich komplett unterbinden wollen würdest, könntest du einfach den Qi Gong-Geisteszustand verlassen und/oder deine Muskeln anspannen. Damit würden der Energiefluss und die daraus manifestierten Bewegungen gestoppt.

Auch wenn wir die Kontrolle haben, lassen wir im Chi Flow zu, dass uns die Energie in Schwingung oder Bewegung versetzt. Wir lassen los. In dieser Wu Wei-Phase, in der wir alles geschehen lassen, „überlassen“ wir der Energie die Kontrolle, bzw. lassen wir sie tun, was im Moment gut für uns ist.

Wann immer wir wollen, zumeist, wenn das Ende der Übungseinheit gekommen ist, denken wir sanft an unser Dantian und kommen wieder zum Stillstand. Das Qi fließt aber dennoch weiter in unseren Meridianen, auch wenn der Körper eigentlich zur Ruhe gekommen ist. Wir sind es so gewohnt entspannt zu sein und loszulassen, dass der Chi Flow dann auch erneut entstehen kann. Während der Standmeditation zähmen wir ihn aber normalerweise. Wenn die Schwingung nach erneutem Denken ans Dantian gleich wieder auftritt, können wir die sanfte Schwingung ruhig geschehen lassen. In heftige Bewegungen sollten wir aber nicht mehr unbedingt gehen.


Chi Flow

Starke Bewegungen im Chi Flow helfen wunderbar, um Verspannungen und Blockaden zu lösen.


Frage 3

Kann man Energie für heilende Zwecke an andere übertragen?

Entwickelt man diese Fähigkeit von allein, wenn man einen gewissen Level im Qi Gong erreicht hat?

- Andi

Ja, Energie ist übertragbar. Mit jedem Wort, das du sprichst, überträgst du Information, die ebenfalls eine Form von Energie ist. Wenn eine Mutter ihr Kind, das gerade hingefallen ist, küsst, schenkt sie ihm Liebe und Energie. Wenn du jemanden umarmst, tauscht ihr unweigerlich Energie aus.

Qi kann auch gezielt zu Heilzwecken übertragen werden. Viele können das von Natur aus und wohl jede/r kann es lernen. Entscheidend ist jedoch, dass man es auch lernt und nicht einfach im Energiesystem von jemand anders herumpfuscht, und sei es noch so gut gemeint. Man würde doch auch keinen chirurgischen Eingriff bei jemanden machen, nur, weil man imstande ist ein Skalpell zu halten.

Fortgeschrittene Qi Gong-Übende entwickeln und intensivieren diese Fähigkeit. Dennoch sollten sie auch eine Ausbildung machen. In Shaolin Wahnam gibt es dazu den Chi Kung Healing-Kurs, den unsere Großmeister alle paar Jahre anbietet. Interessant dabei ist aber, dass die Anwender nur selten Energie übertragen, um als Katalysator zu dienen. Es hat sich als viel wichtiger und besser erwiesen, kranken Menschen beizubringen, wie sie selbst ihren Energiefluss Tag für Tag verbessern können, indem sie Qi Gong ausüben.

Eine wichtige Voraussetzung ist auch, dass man selbst ein gewisses Maß an Gesundheit hat, damit man keine Blockaden weitergibt und genug Energie und geistige, sowie emotionale Stärke hat, um anderen beistehen zu können.

Ich finde, Therapeuten jegliche Art sollten hochwertiges Qi Gong praktizieren, um sich von schädlichen Fremdeinflüssen zu reinigen. Es ist ein einfaches und sehr effektives Mittel dafür.


Frage 4

Warum bringen wir das Chi, bevor wir mit den Kung Fu-Bewegungen beginnen, immer zum Dantian?

- Ina

Das Qi soll beim Kung Fu im Dantian ruhen. Dadurch werden wir standfester und auch der Geist wird ruhig.

Wenn das Qi oben im Brustkorb ist, führt das zu flachem Atem und man fühlt sich gestresst. Das kann man gut an Menschen beobachten, die unter Druck stehen.

Außerdem holen sich die Schläge das nötige Qi vom Dantian. Es ist das erste von 5 Toren, durch die die Energie am Weg nach draußen fließen muss. Darum ist es natürlich gut, wenn das Qi vorher schon dort „wartet“.


Qi Gong Gruppe Chi Flow

„Chi to Dantian“


Frage 5

Wie schnell fließt das Qi eigentlich, wenn wir es bei der Knochenmarksreinigung in unseren Meridianen fließen lassen?

Mir kommt es viel schneller vor als deine Anleitung.

- Andrea

Das Qi fließt so schnell wie es ist.

Es ist durchaus zu erwarten, dass es bei Fortgeschrittenen wie dir sehr flott zirkuliert.

Um die Anleitung nicht allzu hektisch zu machen, wie „Arme-innen-runter-Arme-außen-hoch-rauf-zum-Kopf-und-den-Rücken-hinunter…“, behalte ich ein angenehmes Tempo bei, dem alle leicht folgen können.

Das Qi fließt ständig in allen Meridianen, also auch in den Sektionen, an die wir gerade nicht denken. Wir fokussieren uns nacheinander auf einen Teilbereich, zum Beispiel die Yin-Arm-Meridiane und gehen nach einiger Zeit zur nächsten Sektion über.

Das ist so, als würde man in einem Wasserkreislauf immer eine von vier Turbinen stärker aufdrehen. Das Wasser fließt auch an den anderen Stellen stärker als normal, es wird aber nur stellenweise besonders angetrieben.

 

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