Fragen und Antworten
Ausgabe 2019-10



Shaolin Kung Fu

Im Kung Fu-Training sollten immer Körper, Energie und Geist involviert sein.


Frage 1

Kann man Kung Fu auch rein mental üben?

- Verena

Da hochwertiges Kung Fu dreifache Kultivierung sein sollte, also Körper, Energie und Geist zugleich trainiert, ist es natürlich generell besser auch alle drei Aspekte zu involvieren.

Wenn man aber gerade ein neues Kung Fu-Set lernt, kann es sehr hilfreich sein, es in einer ruhigen Minute auch einfach mal im Kopf durchzugehen. Mir hilft es, wenn ich die einzelnen Techniken dann nur ganz klein mit den Händen andeute. Sieht sicher etwas schräg aus, wenn man das beobachtet, aber was soll’s…

Besonders effektiv ist es, wenn man das Set vor dem Einschlafen durchgeht. Einmal reicht. Schließlich sollte man im Bett einfach schlafen.

Dein Sigung (Großmeister) kennt ja an die hundert Kung Fu-Sets. Viele davon hat er sich gemerkt, indem er sie hin und wieder im Geist durchgeht.

Eine Studie kam zu einem interessanten Ergebnis. Eine Gruppe hat im Fitnesscenter trainiert und die andere ist zuhause auf der Couch gesessen und hat sich die Übungen nur vorgestellt. Am Ende des Testzeitraums war der Bizeps der Couch-Gruppe halb so viel angewachsen, wie jener der Trainingsgruppe. Das zeigt wie kraftvoll unser Geist ist und welch großen Einfluss er auf unseren Körper hat. Nichtdestotrotz konnte der volle Effekt nur durch „echtes“ Üben erreicht werden.

Wie gesagt, am besten ist es, wenn man ein Kung Fu-Set mit allen Aspekten unseres Daseins ausübt. Zur Unterstützung kann es rein im Geist aber durchaus hilfreich sein.


Frage 2

Ich habe festgestellt, dass die Quintessenz aus dem Tai Chi Chuan die Wolkenhände sind. Was hältst du davon?

- Mathias

Ja, die Wolkenhände verkörpern die Essenz des Tai Chi Chuan. Man kann sie verwenden, um jegliche Angriffe abzuwehren.

Sifu hat dieses Statement mal bei einem Kurs in Spanien gemacht und dann nach jemand Freiwilligen gefragt, ihn zu attackieren. Als sich Manuel gemeldet hat, begannen einige Kursteilnehmer zu kichern. Manuel sollte Sifu auf irgendwelche Arten angreifen, was er auch tat. Sifu spielte mit ihm, wie mit einem kleinen Jungen, wobei er nur die Wolkenhände verwendete. Erst nach dieser eindrucksvollen Demonstration stellte Sifu fest, dass Manuel ein internationaler Taekwondo-Champion ist. Heute ist Sifu Manuel Tirado einer unserer Instruktoren in Madrid.

Wenn die Wolkenhände so ein wunderbares Allzweckmittel sind, warum lernen wir dann nicht einfach nur diese, sondern viele verschiedene Techniken? Man muss zunächst die verschiedensten Anwendungen und Prinzipien verinnerlichen. Später kann man wieder formlos werden und die Prinzipien auch außerhalb der etablierten Form der Techniken anwenden.

Das Training der Wolkenhände selbst besteht aus verschiedensten Variationen und Bewegungsrichtungen, die mit sämtlichen Ständen kombiniert werden können. Dadurch bietet es eine gute Vorbereitung und Übergang zur Formlosigkeit.

Es ist überliefert, dass das Training von Zhang San Feng, dem Schöpfer von Wudang Kung Fu / Tai Chi Chuan, hauptsächlich aus den Wolkenhänden bestand. Seinen Schülern konnte er aber nicht sagen, dass sie sich einfach hinstellen und alles geschehen lassen sollen. Darum formalisierte er seine Entdeckungen in Techniken, die seine Schüler zunächst ausführen und üben konnten. Später konnten sie frei fließen, spontan kämpfen und eins mit dem Tao werden.


Tai Chi Wolkenhände

Die Wolkenhände verkörpern die Essenz des Tai Chi Chuan.


Frage 3

Ist es okay, wenn ich zum Abschluss des Qi Flows länger an das Dantian denke?

Dadurch kann ich tiefer in die Standmeditation eintreten.

- Ina

Du solltest dich an die Anleitung halten und einfach 1-2 Mal kurz an dein Dantian (Anm. das Energiefeld im Unterbauch) denken und die spontanen Qi-Bewegungen so zum Ausklingen bringen bis du wieder ruhig stehst.

Dauerhaft und sehr intensiv an das Dantian zu denken, könnte auch negative Effekte mit sich bringen oder zumindest positive Effekte vermeiden.

In vielen Schulen wird die Energie nach den Qi Gong-Übungen im Dantian „versiegelt“, indem Praktizierende ihre Hände längere Zeit darauf ruhen lassen.

Wir nutzen nur 1-2 sanfte Gedanken, damit die Energie, nachdem sie im Qi Flow kraftvoll durch den Körper fließen durfte, langsam wieder zur Ruhe kommt. Ein Teil der Energie wird im Dantian verbleiben, während der Rest weiterhin durch unsere Meridiane fließt und sich im ganzen Körper neu verteilt und neu ausrichtet. Diesen Effekt würde man durch längeres Denken ans Dantian unterbinden, wobei er doch so wichtig ist.

Im Englischen verwenden wir für die Standmeditation den Begriff „Standing Zen“. Wir nutzen somit die Zen-Methode, also streben direkt auf keine Gedanken zu, sozusagen auf „No-Mind“. Genieße einfach die Stille in deinem Geist und sie wird sich ausbreiten.


Frage 4

Selbst wenn ich eigentlich loslassen möchte, habe ich derzeit immer nur sehr ruhige Qi Flows. Es dürfte schon etwas passieren, weil ich mich dabei wie in den Boden gerammt fühle, aber es tritt nur wenig Bewegung auf.

- Dagmar

In unserem Fortschritt durchlaufen wir einen Zyklus mit drei Phasen bzw. Funktionen von Qi:

  • Reinigen
  • Bilden
  • Nähren

Du befindest dich offenbar gerade in einer Phase des Bildens.

In Reinigungsphasen sind die spontanen Qi-Bewegungen oft stärker und umfangreicher. Der gute Energiefluss durchbricht Blockaden in den Meridianen und im Gewebe.

Während des Bildens entsteht zumeist nur eine „sanfte Brise“, also eine leichte Schwingung im Körper. Die zusätzliche innere Kraft, die sich aufbaut, verleiht dir Stabilität und Standhaftigkeit.

Beim Nähren geht es weniger um mehr Volumen, sondern um eine höhere Qualität der Energie. Alles wird feiner. In dieser Phase werden Geist und Seele besonders genährt. Die äußeren Bewegungen während der Qi Flow-Phase können dabei auch ganz verschwinden. Eine „fließende Stille“ entsteht.

Folge einfach Wu Wei, also genieße die freie Phase und nimm sie freudig hin, wie sie kommt.

Einmal pro Woche gib dem Qi Flow mit deinem Geist etwas mehr Schwung, indem du dir kurz „stärker“ oder „heftiger“ denkst. So ist sichergestellt, dass mögliche Blockaden ebenfalls bereinigt werden.


Single Dragon

„Single Dragon Emerges from Sea“ aus dem südlichen Shaolin Kung Fu.


Frage 5

Wieso gibt es mit „One Finger Shooting Zen“ und „Single Dragon Emerges from Sea“ zwei so ähnliche Übungen im Shaolin Kung Fu-Training?

- Mic

Die Ausführung der beiden Übungen ähnelt sich äußerlich sehr. Beide machen Gebrauch von der „Triple Stretch“-Methode. Jeweils ein Arm wir also dreimal nach vorne gestreckt.

Es gibt aber feine Unterschiede, sowohl äußerlich, als auch innerlich.
„One Finger Shooting Zen“ macht von der „Ein-Finger-Zen-Handform“ gebrauch. „Single Dragon Emerges from Sea“ nutzt die „Drachenhandform“ mit Zeige- und Mittelfinger.

Beide können für Angriffe auf Vitalpunkte (wie z.B. die Augen) verwendet werden und vor allem für Dim Mak, die Kunst Energiepunkte zu schließen.

Was die innere Kraft, die mit den Übungen entwickelt werden soll, betrifft, so ist „One Finger Shooting Zen“ vergleichsweise weicher und fließender. „Single Dragon Emerges form Sea“ ist im Vergleich härter und konsolidierter. Die Energie verdichtet und sammelt sich dabei also etwas mehr.

Fließende innere Kraft ist für die Gesundheit zuträglicher. Konsolidierte Energie führt im Gegensatz zu mehr Durchschlagskraft und Stabilität. Beide Übungen sind zum Teil fließend und konsolidierend. Bei „One Finger Shooting Zen“ tendiert das Verhältnis der beiden Gegenpole mehr zum Fließen.

Je nachdem, welche Voraussetzung oder aktuellen Ziele Praktizierende haben, kann eine Methode besser passen. Darum ist es gut, mehr Auswahl zu haben.

„One Finger Shooting Zen“ ist einer der wichtigsten Schätze in Shaolin Wahnam. Auch, weil die innere Kraft daraus so vielseitig eingesetzt werden kann. Außerdem trainiert die erste Sektion nicht nur die Kunst des „One Finger Zen“, sondern auch die Tigerkralle.

 

zurück zur Übersicht der Fragen & Antworten

selbst eine Frage stellen