Klassische Beispiele, Kombinationen im Kampfsport und die siegreiche Strategie


Wie man lernt mit klassischem Kung Fu zu kämpfen
Teil 4


Shaolin Flower Set

„On Ground Strike Tiger“ aus einer Kombination im Shaolin Flower Set (Fa Kuen).


Klassische Beispiele für Sequenzen und Partnerformen

Einstudierte Partnerformen sind ein traditionelles und wirkungsvolles Element im Kampfkunsttraining.

Wichtig ist jedoch, dass diese realistisch und durchdacht sind. Sieht man sich die imposanten Partnerformen im modernen Wushu an, erkennt man schnell, dass diese fernab jeglicher Realität sind und ohne Bedacht auf die eigene Sicherheit. Kein Kung Fu-Kämpfer würde einem Speer zehnmal hintereinander nur mit dem Kopf ausweichen, mal ganz abgesehen vom Angreifer, der mit seinem Speer dann wohl kaum zehnmal an die gleiche Stelle stoßen würde.

In unserem traditionellen Kung Fu ist jeder Handgriff gut durchdacht und dient in erster Linie dem eigenen Schutz. Erst in zweiter Reihe kommt die Überwältigung des Gegners und selbst dann nur kontrolliert, unter Anwendung des mindesten Mittels.

In klassischen Sets, besonders im südlichen Shaolin Kung Fu, finden sich häufig Kampfsequenzen, die die Erfahrung großer Meister kristallisiert bewahren und als druckvolle Angriffskombinationen dienen. So vermittelt das „Shaolin Flower Set“ die Spezialitäten der legendären Shaolin-Nonne Ng Mui. Das „Triple Stretch Set“ enthält die durchschlagskräftigen Kombinationen von Hoong Hei Koon.

Zusätzlich zur Einzel-Form gibt es öfters auch ein Kombinationsset für zwei Partner im Package dazu. Gute Beispiele hierfür sind „Cross-Roads at Four Gates“, das „Shaolin Five-Animal Set“ oder das „Dragon-Tiger Set“.

Während die längeren Partnerformen fabelhafte Anwendungen vermitteln, haben die kürzeren Sequenzen den Vorteil, dass sie leichter kombiniert und variiert werden können.


Kombinationen im Kampfsport

Auch moderne Kampfsportarten beschränken sich nicht auf Einzelangriffe, sondern machen Gebrauch von „Combos“, also Schlagkombinationen. Sei es beim Boxen ein simples Jab-Jab-Cross oder Trittfolgen im Taekwondo.

Der Großmeister unserer Schule und gleichzeitig mein Sifu, Wong Kiew Kit, hat die Bedeutung der klassischen Kampfsequenzen erkannt und legt in seiner Lehre großen Wert darauf.

Mein Sigung, Großmeister Ho Fatt Nam, verdient sein Geld als professioneller Thai-Boxer, bevor er auf seinen letzten Shaolin-Meister, Yan Fatt Khun, getroffen ist. Er erzählte Sifu, dass man im Thai-Boxen nicht bloß Dreierkombinationen verwendet, sondern gleich drei dieser Kombinationen aneinanderreiht, was als 3-3-9 bekannt ist.


Die immer siegreiche Strategie

Dies war sicherlich eine wichtige Inspiration für Sifu, seine „Ever-Victorious-Strategy“ (immer siegreiche Strategie), natürlich unter Einsatz von traditionellen Kung Fu-Techniken, zu entwickeln.

Hierzu sucht man sich eine Kampfsequenz aus oder entwirft selbst eine. Diese übt man dann 3 Monate lang täglich 30 Mal. Danach wendet man sie einfach im Kampf unerbittlich an, während man darauf achtet immer gut abzudecken. Diese Strategie funktioniert bestens gegen Gegner, die man technisch besiegen kann.


Shaolin Kung Fu Kombination

Die 10. Kampfsequenz unseres Shaolin Kung Fu ist für „Pressing“ entwickelt.


Als nettes Beispiel hierfür dient die Geschichte, als ein Karate-Meister in der Chin Woo Association in Georgetown, Malaysia, wo Tantui aus dem nördlichen Shaolin Kung Fu unterrichtet wurde, den Meister herausfordern wollte. Der Meister ließ einen seiner ältesten Schüler antreten und sagte ihm er solle einfach nur mit der ersten der zwölf Sequenzen aus dem Tantui angreifen und diese immer wieder wiederholen. Der Schüler gewann überlegen gegen den Karate-Meister. Das Interessanteste an der Geschichte ist, dass der Schüler zuvor keinerlei Sparring-Erfahrung hatte, da man in der Schule nur die Solo-Form praktizierte.


Spontane Anpassung

Ist der Gegner sehr gut, kann er die Sequenz allerdings unterbrechen. Darum ist es wichtig die Sequenz auch mit möglichen Unterbrechungen zu trainieren. Hierfür dient uns der „unsichtbare Gegner“, der zum Beispiel nach der zweiten Technik mit einem Schlag kontert. Wir neutralisieren den Konter, decken ab und fahren mit der geplanten Sequenz fort. Ein anderes Mal kontert er nach der ersten Technik mit einem Kick. Wieder neutralisieren wir, decken ab und fahren mit der Sequenz fort.

Wie gut man diese Methodik auch im Leben fernab des Kampfes anwenden kann, veranschaulicht dieses Beispiel von Sifu Chris Didyk.


Unsichtbarer Gegner

Anpassung an die Sequenzen sollten auch alleine mit dem „unsichtbaren Gegner“ geübt werden.


Fazit

Das Niveau der Kampfkraft der früheren Meister war sicherlich um ein Vielfaches höher, was zu deren Zeiten auch überlebensnotwendig war. Wir können unsere Zeit glücklicherweise auch für andere schöne Dinge verwenden, als uns für den Kampf auf Leben und Tod zu rüsten. Dennoch ist es uns wichtig, wenn wir eine Kampfkunst ausüben, diese auch so anwenden zu können wie sie erschaffen wurde. Es mag bessere Kämpfer geben, aber der Einsatz der klassischen Techniken, Taktiken und Strategien verhilft uns dazu unverletzt aus dem Kampf hervorzukommen. Abgesehen davon, lassen sich viele der trainierten Fähigkeiten auch erfolgreich in den Alltag übertragen.


Autor: Sifu Leonard Lackinger

 

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Links:

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Combat efficiency


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