Das fehlende Bindeglied


Wie man lernt mit klassischem Kung Fu zu kämpfen
Teil 2


Taijiquan Kampfsequenz

Kampfsequenzen bereiten uns auf verschiedenste Situationen im Kampf vor. Was würdest du in diesem Fall tun?


Kampfsequenzen

Der Zwischenschritt von der Einzelanwendung zum freien Sparring, der unserer Meinung nach in der Methodik der meisten Schulen fehlt, sind vordefinierte Kampfsequenzen. Denn ohne dieses Bindeglied wird die Form im freien Kampf schnell wieder formlos, jedoch nicht im Sinne des eigentlichen Endziels, sondern vielmehr als Rückschritt zu den naturgegebenenKampf(un)fähigkeiten.

Manch einer mag hierbei einhaken, dass ein echter Kampf keinen starren Abläufen folgt. Es stimmt natürlich, dass man sich im freien Kampf spontan an die jeweilige Situation anpassen und darauf reagieren muss. Sind die Reaktionen aber zuvor nicht umprogrammiert worden, verfällt man schnell in evolutionäre Muster oder Boxsparring. Dann könnte man ebenso gut gar kein Kung Fu trainieren.

Vorgefertigte Kampfsequenzen haben sich als ein sehr effektives Mittel beim systematischen Übergang von der Einzelform zur freien Anwendung erwiesen. Diese trainieren die einzelnen Anwendungen in fließender Weise, also nicht nur isoliert. Unsere 16 Kampfsequenzen im Shaolin Kung Fu sowie die 12 im Tai Chi Chuan bereiten die Schüler so auf Angriffe aller vier Kategorien (Schläge, Tritte, Würfe, Griffe) vor.

Wann immer eine gewisse Situation im freien Kampf auftritt, können sie die zuvor einstudierten und fließend geübten Standardantworten dann spontan abrufen. Sie behalten ihre Form bei und ziehen den optimalen Nutzen aus den ausgefeilten, klassischen Techniken. Nicht darüber nachdenken zu müssen welche Technik man gegen einen bestimmten Angriff einsetzen kann, sondern den perfekten und zuvor trainierten Konter abrufen zu können, bietet große taktische Vorteile.

Ebenso werden die Schüler darauf vorbereitet, was beim Einsatz bestimmter Techniken passieren kann bzw. wie der Gegner möglicherweise darauf reagiert, während wir natürlich auch offen für mögliche Abweichungen bleiben.

Mit den Kampfsequenzen trainieren wir außerdem nicht bloß die Anwendung von Einzeltechniken, sondern auch Taktiken, die wir im freien Kampf dann auch effektiv einsetzen können.

Mancher würde sagen, dass ein Kampf mit ein, zwei Schlägen so rasch wie möglich beendet sein sollte. Während das natürlich der angestrebte Idealfall ist, gehen wir immer davon aus, dass unser Gegner ebenfalls weiß was er tut, also weiß wie er neutralisieren und kontern kann. Außerdem achten wir darauf nur nach gutem Absichern anzugreifen.


Klassischer Kung Fu-Kampf

Als gutes Beispiel nehmen wir mal die zweite Hälfte der 7. Kampfsequenz unseres Shaolin Kung Fu her.


Ich (rechts im Bild) greife mit einem tiefen Schlag namens „Precious Duck Swims through the Lotus“ an.

Kampfsequenz 7 - 1


Mein Partner schlägt mit der Handkante auf meinen Arm, was dem Prinzip „keine Abwehr, direkter Konter“ entspricht. Seinem Momentum folgend, muss ich also meinen Arm schnell aus der Schussbahn entfernen.

Kampfsequenz 7 - 2


Mein Partner setzt sofort nach, deckt mich ab und greift mit einem gefährlichen Handkantenschlag an meine Schläfe an.

Kampfsequenz 7 - 3


Eine vermeintlich schwierige Situation, bei der viele wohl zurückspringen würden, um sich in Sicherheit zu bringen. Stattdessen lehrt uns die Kampfsequenz, dass ich unter Anwendung von Shen-Fa (Körperbewegung) einfach nur in meinen Stand zurücksinken brauche.

Kampfsequenz 7 - 4


Dadurch sind meine Arme wieder frei und ich kontere mit dem Prinzip „Abwehr mit Konter“ in der Technik „Double Bows Tame Tiger“.

Kampfsequenz 7 - 5


All diese kleinen Details werden so automatisiert. Dabei dienen sie aber nicht als starre Einbahnstraßen. Vielmehr werden die enthaltenen Prinzipien verinnerlicht, was dazu führt, dass wir auch andere Techniken ebenso effektiv einsetzen können.


Das Kung in Kung Fu

Der wohl wichtigste Nutzen der Kampfsequenzen ist jedoch die Entwicklung von Fähigkeiten. Gerade diese machen „Kung“ Fu schließlich aus. Kung (oder „Gong“ in Mandarin“) steht für Können, Fertigkeit, Fähigkeit.

Die erste Kampfsequenz im dritten Level unseres Shaolin Kung Fu besteht lediglich aus zwei Techniken, die dreimal wiederholt werden. „Black Tiger Steals Heart“ für den Angriff und „Single Tiger Emerges from Cave“ für die Abwehr. Man kann also schnell erkennen, dass es nicht in erster Linie um die Techniken geht, deren Anwendung schon in den Levels zuvor ausgiebig trainiert wurde.

Vielmehr stehen die fundamentalen Kampffertigkeiten „Timing & Spacing“ im Fokus, also zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Dies gelingt besonders gut, weil man sich nicht auf komplizierte Abfolgen schwieriger Techniken konzentrieren muss, sondern einfach nur auf das aktuell Wesentliche. Dies sind wichtige Aspekte, die in der Hektik des freien Kampfes rasch untergehen, wo sie doch so essenziell sind.

Timing und Spacing werden in den späteren Sequenzen auf verschiedenste Weise und auf verschiedene Standpositionen angepasst. Sämtliche Standmodi werden abgedeckt. Mal stehen also beide mit dem linken Fuß vorne, mal nur einer und mal beide mit dem rechten Fuß.

Anfangs erlernen wir einfache Techniken, um auf Nummer Sicher zu gehen. Später lernen wir Alternativen dazu, die einerseits höherwertiger sind und uns unberechenbarer für den Gegner machen.

Ist mit dem Erlernen des Ablaufs der Sequenz das Grundgerüst gebaut, achten wir darauf die einzelnen Techniken so exakt wie möglich auszuführen, um all deren Vorteile zu verwirklichen. Anschließend nutzen wir dieses Vehikel zur schrittweisen Steigerung von Schnelligkeit und Kraft in sicherem Rahmen.


Kung Fu Sparring

Timing und gute Distanzeinschätzung sind essenzielle Fähigkeiten.


Autor: Sifu Leonard Lackinger

 

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