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Die Tierformen in verschiedenen
Kung Fu-Stilen und Sets


Die fünf Tiere des Shaolin Kung Fu
Teil 2


Shaolin Five-Animal Combination Set

Schlange trifft Tiger im
Shaolin Five-Animal Combination Set


Im Laufe der Jahrhunderte haben sich aufgrund von persönlichen Präferenzen, Veranlagungen und Charaktereigenschaften der jeweiligen Meister, verschiedenste Sets, also Abfolgen vieler Techniken, mit unterschiedlichen Ausprägungen entwickelt. Daraus sind zahllose Kung Fu-Stile entstanden. Während viele Sets einzelne, durch die Tierformen repräsentierte, Qualitäten und Schwerpunkte hervorheben, gibt es im Shaolin Kung Fu – mit einzelnen Ausnahmen – kaum Sets, die sich exklusiv mit nur einem Tierstil beschäftigen.

So findet sich in Drachen-lastigen Sets durchaus auch mal ein Kranich-Kick oder eine Tiger-Technik. Das repräsentiert auch äußerlich gut, dass Shaolin Kung Fu ein umfassendes und ganzheitliches System ist und sich nicht nur auf einzelne Komponenten beschränkt. Gerade das macht Shaolin Kung Fu zur perfekten Basis, die es einem ermöglicht relativ einfach einen anderen Kung Fu-Stil zu erlernen. Viele später entwickelte Stile konzentrieren sich stärker auf einzelne Aspekte.

Hier nun ein kleiner Überblick über den Einfluss der fünf Tiere auf diverse Stile und Sets.


Das Five-Animal Set

Während „Lohan Kung Fu“ (Lohanquan) den Prototyp und auch das charakteristische Set für nördliches Shaolin Kung Fu darstellt, gilt das „Shaolin Five-Animal Set” als charakteristisches Set für dessen Weiterentwicklung, das südliche Shaolin Kung Fu. Es vereint alle fünf Tierstile in einer Abfolge und ist somit das effizienteste Set, um vom ganzheitlichen Training aller Tier-Spirits zu profitieren.

Das weitverbreitete Hoong Ka Kung Fu (Hung Gar; Hung Kuen; Hung Kyun), der Stil von Lam Sai Wing und Wong Fei Hung, ist eine der Fortsetzungen des südlichen Shaolin Kung Fu und enthält beispielsweise ein „Five-Animal Set“, ebenso wie ein weiterer südlicher Shaolin-Stil, das Choy-Li-Fatt Kung Fu.

Das Five-Animal Set in Shaolin Wahnam wurde von unserem Großmeister, basierend auf klassischen Überlieferungen und seiner Erfahrung, für sein Buch „The Art of Shaolin Kung Fu“ zusammengestellt. Es eignet sich ideal, um einen guten Einblick in alle fünf klassischen Tier-Spirits zu erlangen und diese zu trainieren. Das zugehörige Partner-Set vermittelt vielerlei tiefgründige Kampfanwendungen und -prinzipien.

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Tiger & Kranich

Neben den Tiger-Spirit-Sets „Taming the Tiger“ und „Iron Wire“, ist Hoong Ka besonders für sein „Tiger-Kranich Set“ bekannt. Diese beiden Tier-Spirits sind neben dem Drachen die dominanten Tiere des Stils. Anders als von vielen angenommen, sollte das als externer Stil geltende Hoong Ka Kung Fu also eine ausgeprägte innere Komponente enthalten und auf innerer Kraft (Tiger) basieren.

Neben der 108er-Version aus dem Hoong Ka zählen auch die 72-Pattern-Version der legendären Ng Mui und das von vielen favorisierte 36-Pattern Set nach Großmeister Lai Chin Wah zum Repertoire von Shaolin Wahnam. Die kurze Version mit 36 Techniken kann als kristallisierte Essenz gewertet werden und verfügt sogar über mehr spezifische Tiger- und Kranich-Techniken als das 108er-Set, das auf dem Lohan Kung Fu basiert.

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Schlange & Kranich

Die Legende besagt, dass der großartige Zhang San Feng einen Kranich und eine Schlange beim Kampf beobachtet haben soll. Dies inspirierte ihn sein Kung Fu noch fließender oder eleganter zu machen. Seine Kampfkunst gilt heute für viele als der Ursprung von Tai Chi Chuan. Im Wahnam Tai Chi Chuan spielt neben dem Kranich und der Schlange auch der Drache eine tragende Rolle. Klassische Überlieferungen lassen darauf schließen, dass auch in Zhang San Fengs Kung Fu der Drache dominant war.

Das Shaolin Flower Set bedient sich ebenfalls Großteils der Schlange und des Kranichs. Daher ist es naheliegend, dass im daraus entstandene Wing Chun-Kung Fu ebenfalls diese Tiere dominant sind.

Interessant ist hierbei anzumerken, dass Tai Chi Chuan und Wing Chun den Schwerpunkt auf den gleichen Tieren haben, die als die weichsten der fünft gelten, und beide Stile dafür bekannt sind besonders gut für das Überwinden von stärkeren Gegnern geeignet zu sein. Dennoch unterscheiden sich die beiden Kampfkünste sehr deutlich in Erscheinung, Herangehensweise und Philosophie.

Dem Wing Chun verleiht der Kranich Direktheit und ökonomische Bewegungsweise. Viele Armbewegungen ähneln dem Schwingen von Kranichflügeln. Im Tai Chi Chuan drückt sich der Kranich durch Eleganz und Balance aus. Die Schlange macht die Bewegungen des Tai Chi Chuan kreisförmig, rund und fließend und regt den Energiefluss an, während sie sich im Wing Chun durch den „Shoot“ (plötzliches Zustechen) manifestiert. Generell ist Tai Chi Chuan etwas mehr vom Schlangen-Spirit geprägt, dem es die Entwicklung innerer Kraft verdankt. Wing Chun ist stärker vom Kranich und dessen Vermeidung unnützer Bewegungen beeinflusst.

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Drache

Eine der Spezialitäten unseres Großmeisters ist das seltene „Dragon Strength Chi Circulation Set“. Es eignet sich ideal zum Training von Dragon-Spirit, Dragon-Force, Dragon Speed und Dim Mak. Deshalb zählt es zu unseren größten Schätzen und ist auch das Lieblings-Set meines Sifu und von mir selbst.

Unser „Shaolin Dragon Form Set“ entstammt dem nördlichen Shaolin Kung Fu. Unser Großmeister „tauschte“ es einst mit einem seiner Sihengs gegen das Tiger-Crane Set. Es enthält die außergewöhnliche Pattern „Dragon Manifests Miraculous Majesty“, die sehr wichtig für Sifus Entwicklung der Dragon Force war.

Wie der Name bereits vermuten lässt, hat auch das „Shaolin Travelling Dragon Pakua Set“ einen hohen Anteil an Drachenformen und ist dem Training des Drachen-Spirits sehr zuträglich.

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Drache & Tiger

Zwei der beliebtesten Tierstile, der Drache und der Tiger, werden in Sifus „Dragon-Tiger Set“ vereint. Ursprünglich entwickelte er es aus ihm bekannten zughörigen Techniken für einen seiner Schüler. Später verwendete er es als Basis für sein tiefgründiges Buch „Introduction to Shaolin Kung Fu“.

Auch das „Triple Stretch Set“, das Sifu aus zwei verschiedenen „Great Majestic Sets“ zusammengestellt hat, ist von Drache und Tiger geprägt. Es entwickelt sehr viel konsolidierte innere Kraft, ist aber dennoch auch schön fließend.

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Leopard

Der Leopard hat in Shaolin Wahnam keinen ausgeprägten Stellenwert, da unser Training nicht auf Aufbau von Muskelkraft ausgerichtet ist, sondern vielmehr innere Kraft kultiviert. Andere Kampfsportarten, die auf Fitness-Training bauen, wie beispielsweise Boxen würden nach Kung Fu-Philosophie dem Leoparden zugeordnet werden.

Leider werden die meisten Kung Fu-Stile heutzutage ebenfalls extern betrieben. Unabhängig davon, ob die zugehörigen Schulen Tiger-Formen und andere verwenden und über die Philosophie der fünf Tiere sprechen, solange das Training auf einer rein physischen Ebene stattfindet, ist der Leopard die dominante Tiereigenschaft.

Bei der anderen Qualität der gefleckten Raubkatze, der Geschwindigkeit, haben wir in Shaolin Wahnam den höherwertigen „Dragon-Speed“ als höchstes Ziel. „Dragon Speed“ nutzt Geisteskraft und Energiefluss statt lokal aufgebauter Muskelkraft. Nichtdestotrotz geben uns Leoparden-Techniken einen taktischen Hinweis, indem sie uns in unseren Kampfsequenzen daran erinnern schnell zu handeln.

Das für die Kampfanwendung am Schlachtfeld konzipierte Choy-Li-Fatt Kung Fu hebt durch Einsatz von Muskelkraft und Schnelligkeit den Leoparden hervor. Wahre Meister des Stils verfügen aber ebenfalls über innere Kraft, wodurch der Tiger zum dominanten Tier-Spirit wird.


Weitere Zusammenhänge

Bekannte Stile, deren dominante Tier-Spirits namensgebend waren, sind beispielsweise Pak Meis „Dragon Kung Fu“, „Black Tiger Kung Fu“ und das „White Crane Kung Fu“ aus Fujian.

Im, auch in Shaolin Wahnam praktizierten, Wuzuquan ist der Kranich dominant.


Einer der drei bekanntesten inneren Kampfkunststile, neben Taijiquan und Xingyiquan (dazu mehr im nächsten Artikel der Serie), ist Baguazhang. In dem besonders für Agilität bekannten Stil spielt der Drache eine große Rolle. So heißt eines unserer Sets auch „Baguazhang Swimming Dragon Set“.


Autor: Sifu Leonard Lackinger

 

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Die Ausübung der angebotenen Shaolin-Künste ersetzen weder Arzt noch psychologische Betreuung, können jedoch jede medizinische Therapie begleiten und unterstützen.