Fragen und Antworten
Ausgabe 2018-11



Standmeditation

Die Standmeditation, die wir in jeder Trainingeinheit praktizieren, ist eine sichere und sehr tiefgehende Kultivierung des Geistes.


Frage 1

Warum wird in der Standmeditation besonders der Geist trainiert?

- Kathi

Nach dem Chi Flow, dem freien und spontanen Energiefluss, gehen wir in die Standmeditation über. In dieser kommen der Körper und das Chi zur Ruhe und es richtet sich neu aus, während es innerlich stark weiterfließt.

Die zuvor generierte innere Kraft hilft uns den Geist zu zähmen, wodurch wir die Tiefe der Meditation leichter intensivieren können. Wir genießen einfach die Stille in uns.

Qi Gong ist immer dreifache Kultivierung. Jing, Chi und Shen (Körper, Energie und Geist) werden also während des Übens immer allesamt gleichzeitig gefördert.

In den verschiedenen Phasen der Übungseinheit werden die drei Aspekte aber unterschiedlich betont. Während der Fokus beim aktiven Praktizieren der Qi Gong-Übungen auf der körperlichen Bewegung liegt, verschiebt er sich während des Chi Flows mehr Richtung Energiefluss und in der Standmeditation mehr zum Geist.


Frage 2

Heißt die Form jetzt „Hanging Fist“ oder „Reverse Hanging of Golden Lotus“?

Kommt mal so, mal so vor.

- Mic

Beide Namen sind richtig, wobei wir im Tai Chi Chuan eher nur „Hanging Fist“ verwenden und im Shaolin Kung Fu „Reverse Hanging of the Golden Lotus“.

Im Tai Chi Chuan sind die meisten Pattern-Namen eher simple, technische Formulierungen, während im Shaolin Kung Fu zumeist poetische Namen aus vier chinesischen Zeichen verwendet werden.

So heißt „Precious Duck Swims through the Lotus“ aus dem Shaolin Kung Fu beispielsweise „Low Stance Vertical Punch“ im Tai Chi Chuan. Die tiefe Stellung mit einem ausgestrecktem Arm ähnelt einer schwimmenden Ente. Der Schlag zielt auf den „Lotus“ ab, womit in diesem Fall das „Dantian“ (das abdominale Energiefeld) gemeint ist. Im Tai Chi Chuan ist der Name Programm; tief stehen und mit aufrechter Faust schlagen.

Eine andere Bezeichnung der gleichen Pattern im Tai Chi Chuan ist „Sun Enters Lotus“. Hierbei steht „Sun“ für eine „Sun Character Fist“, also eine aufrechte Faust, welche dem chinesischen Schriftzeichen für Sonne ähnelt.

Generell kann es durchaus vorkommen, dass Techniken in anderen Kung Fu-Stilen anders genannt werden. Ebenso, dass der gleiche Name für andere Techniken verwendet wird. Kung Fu ist keine exakte Wissenschaft und die Anwendung sehr lebendig.


Taijiquan-Technik Hanging Fist

Die „hängende Faust“ aus dem Taijiquan und Shaolin Kung Fu.


Frage 3

Ich spüre nach dem Qi Gong meistens so ein Kribbeln, Spannen und Zirkulieren in meinem Unterbauch.

Das hält auch nach dem Üben oft bis zu einer Stunde an und fühlt sich seltsam an.

- Aleksandra

Gratuliere! Was du da fühlst, ist dein abdominales Dantian (Energiefeld).

Durch deine regelmäßige und richtige Praxis, hat sich bereits einiges an Chi dort gesammelt. Beim Üben wird es jedes Mal etwas mehr und das Dantian dehnt sich aus.

Während viele zwar theoretisches Wissen über die Energiefelder oder -zentren in unserem Körper haben, erfahren es die Wenigsten selbst.

In Shaolin Wahnam kommen direkte Energieerfahrungen relativ häufig vor. Manche sind feinfühliger für diese Art von Wahrnehmung und bemerken schnell etwas, bei anderen dauert es etwas länger.

Interessant sind auch immer die persönlichen Beschreibungen dieser Erlebnisse. Während die westliche Wissenschaft gerade dabei ist sich zu entscheiden über wie viele Sinne und Sensoren wir verfügen (zwischen 9 und über 20), sind wir es gewohnt alles mit den fünf klassischen Sinnen zu erklären.

Doch selbst das Fühlen ist für Energiewahrnehmungen nicht immer passend, weil man es doch irgendwie anders empfindet als gewöhnlichen Kontaktreiz. Wenige können Energie „sehen“, manche können sie „riechen“ oder „hören“.

Anfangs erfahren die meisten unserer Schüler die Energie indirekt, indem sie die spontanen Chi-Bewegungen des Körpers während dem Chi Flow wahrnehmen. (Etwas) Später machen sich häufig ein Kribbeln in den Fingerspitzen oder Temperaturempfindungen bemerkbar.

Viel wichtiger aber, als die Wahrnehmung von Chi, sind die mittel- bis langfristigen Ziele unserer Qi Gong-Praxis, nämlich Gesundheit, Vitalität, ein klarer Geist und ein langes, glückliches Leben. Energieempfindungen dienen lediglich der kurzweiligen Bestätigung, die zweifelsohne aber oft auch angenehm und hilfreich für die Motivation sein kann.


Frage 4

Ich empfinde die Golden Bridge intensiver vom Flow her als den Stand mit angelegten Händen (wie heißt der eigentlich?).

Allerdings vibrieren die Hände mehr, da sie ausgestreckt sind, was das längere Stehen wegen Muskelkrämpfen in den Schultern schwierig macht. Trotzdem gefällt mir die Bridge mehr, da der Flow, wie gesagt, intensiver spürbar ist.

- Emi

Deine Beobachtung der goldenen Brücke ist sehr gut.

Der Stand mit den Fäusten an der Hüfte wird einfach Reiterstand („Horse Riding Stance“) genannt. Hält man die Fäuste in Wu Ji an der Seite, heißt die Pose „Two Tigers at Ready“, also „Zwei Tiger sind bereit“.

Es stimmt, dass die goldene Brücke vergleichsweise fließender ist, als der Reiterstand, wenngleich auch die goldene Brücke sehr konsolidierend, also sammelnd und verdichtend ist.

Es ist nicht unüblich, dass die Dauer des Standes beim Wechsel auf die goldene Brücke zunächst wieder etwas abnimmt, bis auch die Arme soweit sind. Einstweilen versuche die Schultern und Arme trotz der starken Vibration möglichst locker zu halten. Auch kannst du die Vibrationen weiterhin mit einem sanften Gedanken an dein abdominales Dantian zähmen.


Goldene Brücke Zhan Zhuang

Großmeister Wong auf einem alten Foto in der „goldenen Brücke“.


Frage 5

Die meisten anderen Übungen haben spezielle Nutzen. Wie ist das bei den Sehnenmetamorphosen?

- Daniel

Die Übungen des Yi Jin Jing, der Sehnenmetamorphosen, funktionieren alle nach dem gleichen Konzept. Durch minimale Bewegungen wird ein sehr starker, pulsierender Energiefluss erzeugt, der das gesamte „große Universum“, also die 12 Hauptmeridiane durchströmt.

Dennoch haben alle Übungen einen leichten Fokus auf bestimmte Bereiche, wodurch der gesamte Körper nochmals von oben bis unten abgedeckt wird. Eine Liste dazu findest du hier.

Das Hauptaugenmerk der Sehnenmetamorphosen, liegt nicht auf der gesundheitlichen Ebene. Während eine passende Auswahl aus den 18 Lohan Händen oder 18 Juwelen das Lösen bestimmter Blockaden leicht beschleunigen kann, ist es bei den Sehnenmetamorphosen mehr oder weniger egal, welche der Übungen man praktiziert.

Das Ziel von Yi Jin Jing ist es viel innere Kraft zu entwickeln und daraus wiederum Mut und einen klaren Geist. Allesamt wichtige Kriterien, um Spitzenleistungen zu ermöglichen. Und welch größere Leistung gibt es als die Erleuchtung zu erlangen. Nachdem sie anhand der 18 Lohan Hände gesundheitliche Beschwerden überwunden und ihre Emotionen in Einklang gebracht hatten, waren die Sehnenmetamorphosen ein wichtiges Werkzeug für die Shaolin-Mönche, um sie für die sitzende Meditation und ihren spirituellen Weg zu rüsten.

 

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