Fragen und Antworten
Ausgabe 2018-08



Qi Gong formlos

Vom Formlosen zur Form, von der Form zum Formlosen.


Frage 1

Beim „Berge schieben“ beginnt mein Körper schon während des Übens stark zu schwingen.

Ist das okay oder sollte ich das zurückhalten?

- Aleksandra

Das ist ein sehr gutes Ergebnis, das zeigt, dass du bereits mit wenig Aufwand deinen Energiefluss anregen kannst.

Je nach Zielen und Bedürfnissen kannst du es dir aussuchen wie du vorgehen möchtest. Du kannst einfach in den freien Chi Flow übergehen, sobald du während des Übens in starke Schwingung gerätst. Besonders wenn du deine Praxis deiner Gesundheit widmen möchtest.

Bist du aber bereits gesund und möchtest deine Vitalität und Leistungskraft fördern, kannst du die spontanen Bewegungen aber noch für ein paar weitere Wiederholungen zähmen und mehr innere Kraft generieren.

Das Phänomen wir übrigens durch die alte Redewendung „Vom Formlosen zur Form, von der Form zum Formlosen.“ beschrieben.

Wenn man mit Qi Gong (oder auch Shaolin Kung Fu) beginnt, kennt man die Techniken noch nicht. Also erlernt man zunächst die Form.

Nachdem man die Form ausreichen geübt und das essenzielle Geschick entwickelt hat, übernimmt die Energie und unsere Bewegung wird wieder formlos. Dennoch ist der Unterschied zwischen jemandem, der einfach so herumtorkelt, und jemanden, dessen kräftiger innerer Energiefluss äußere Bewegungen erzeugt, gewaltig.


Frage 2

Angefangen hatte alles damit, dass ich einen Text über Zweifel las.

Etwas später dachte ich mir, dass Zweifel so wie Sorgen unnötig, aufhaltend und schädlich ist und man deswegen Zweifel loslässt. Die 3 Goldenen Regeln sind dazu da, um uns zu nützen, um uns zu unterstützen und darum dachte ich weiter, dass sie nichts Anderes sind, als Schädliches, Blockierendes zu verhindern und Nützliches zu tun.

Dann kam in mir die Frage hoch, welche Gedanken sind während dem Chi Flow nützlich? Bis auf einen sanften Gedanken ans Dantien zu haben am Ende des Chi Flows fiel mir nichts ein.

Darum ist die Antwort, dass ich alle Gedanke loslassen kann. Doch daraus ergab sich für mich etwas Unklares weil alle Gedanken loslassen und den Chi Flow genießen für mich etwas Unterschiedliches ist. Genießen hat für mich eine gedankliche Komponente. Kannst du mir da bitte helfen Klarheit zu erlangen?

- Bernhard

Wenn wir Qi Gong praktizieren und zum Beispiel Chi Flow haben, dann verfolgen wir keine aktiven Gedanken. Wir schalten aber unsere Wahrnehmung nicht ab. Daher können wir durchaus genießen was gerade passiert. Würden wir die auftretenden Empfindungen interpretieren und analysieren, wären wir wieder bei aktiven Gedanken angelangt, die wir beim Üben vermeiden möchten.

Wenn du ein Glas Limonade genießt, dann genießt du einfach was du wahrnimmst. Wenn du darüber nachdenkst aus welchen chemischen Verbindungen die Limonade besteht, wo sie produziert wurde oder ob die Schrift am Etikett „Arial“ ist, verwendest du deinen Intellekt und wirst nicht wirklich zum Genießen kommen.

Wenn du einen Sonnenuntergang betrachtest, genieße einfach das Farbspiel am Himmel und die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf deiner Haut. Dies funktioniert am besten, wenn du nicht darüber nachgrübelst wie viele Kilometer die Sonne von der Erde entfernt ist oder ob die Farbe der Wolken eher Lila oder Magenta ist.

Natürlich kann man zu einem anderen Zeitpunkt über diese Dinge nachdenken, wenn sie einen interessieren. Die Beispiele sollen der Veranschaulichung dienen, dass Genießen nicht automatisch mit Gedanken verbunden ist.

Die Wahrnehmung ist auch während unserer Praxis vollkommen in Ordnung und sogar schwer abzustellen. Die intellektuelle Interpretation und Analyse der Sinneseindrücke lernen wir aber während der Meditation zu unterlassen.

Ein nette Veranschaulichung, den Matt Siheng in unserem Diskussionsforum mal gepostet hat, ist die Gedanken auf mehrere Spuren einzuteilen (ähnlich wie in einem Tonstudio). Die Wahrnehmungsspur, die uns den Genuss ermöglicht, darf bleiben. Das „Monkey-Mind“, also den endlosen Strom der Gedanken, blenden wir aus.

Bei manchen Übungen verwenden wir Visualisierungen. Diese sind aber eigentlich bloß ein sanfter Gedanke, der als Anstoß dient, und kein aktives und ständiges Intellektualisieren. Auch malen wir uns den gewünschten Effekt nicht „visuell“ aus. Der Begriff „Visualisierung“ kann daher leicht irreführen. Deshalb verwenden wir ihn kaum, sondern sprechen von einem „sanften Gedanken“. Am häufigsten tun wir dies, wenn wir am Ende unserer Qi Gong-Einheit sanft an unser Dantian denken.


Sonne und Mond heben

Mit „Sonne und Mond heben“ beginnt nahezu jedes Kung Fu-Set. Dennoch ist den meisten dessen interner Nutzen verborgen.


Frage 3

Im ersten Level im Shaolin Kung Fu machen wir ja ziemlich viel Beintraining mit den Ständen, dem Bewegen in Ständen und den Dehnungsübungen. Gibt es eigentlich auch Übungen für die Arme und Hände?

- Ziad

Anders als viele vermuten würden, verwenden wir in unserem Training keine Liegestütze oder andere Fitnessübungen, um unsere Arme zu stärken.

Es stimmt, dass der Fokus in Level 1 auf der Beinarbeit liegt. Die diversen Stände legen das Fundament für alles Weitere, das wir lernen. Außerdem ist die Beinarbeit eine essenzielle Komponente im Kampf. „Die Verteidigung liegt in den Beinen“ ist ein Prinzip, das uns ständig begleitet.

Dennoch sind auch unsere Arme und Hände von Anfang an mit im Spiel, wenngleich wir kein Hantel- oder Boxsacktraining einsetzen, was beides zum Aufbau von Muskelmasse führen würde. In hochwertigem Shaolin Kung Fu geht es stets darum innere Kraft zu kultivieren und einzusetzen. Dafür ist ein guter Energiefluss notwendig, der wiederum körperliche und geistige Entspannung benötigt.

Die Fäuste beim Standtraining an der Seite zu halten, lässt das Chi sich nicht nur im Dantian (dem Energiefeld im Unterbauch) fokussieren, sondern auch in den sanft geballten Fäusten. Auch die unscheinbare und von den meisten Praktizierenden unterschätzte Vorübung, „Sonne und Mond heben“ (Lifting Sun and Moon), ist ein wunderbares Werkzeug, um einerseits den Energiefluss im ganzen Körper anzuregen und andererseits innere Kraft in den Händen zu bündeln.

Zum krönenden Abschluss von Level 1 lernen wir „One Finger Shooting Zen“. Dieser Schatz des südlichen Shaolin Kung Fu ist eine kraftvolle Methode, um das Chi in den Händen zu fokussieren.

Nicht vergessen sollte man auch, dass das wiederholte Ausführen von Schlägen diese ebenfalls immer kräftiger macht. Wie ein Karate-Großmeister meinem Sifu mal erzählt hatte, konnten jene Schüler, die immer nur in die Luft geschlagen haben (z.B. beim Kata-Training) schlussendlich kraftvoller zuschlagen, als jene, die an der Makiwara (gepolsterte Schlagpfosten oder -bretter) trainiert hatten.

In Level 2 kommen außerdem die Handformen zu den Basisständen dazu. Insbesondere „Lohan trägt Wasser“ (Lohan Carries Water) und die „goldene Brücke“ (Golden Bridge) sind wunderbare Standposen, um viel innere Kraft in Armen und Händen zu entwickeln.


Frage 4

Kann man bei der Knochenmarksreinigung alle Übungen (Himmel anheben, Wasser teilen, ...) und Energieebenen (Haut, Fleisch, ...) in einer Einheit üben?

- Christian

Ja, das könnte man. Es ist aber effektiver sich auf eine Ebene zu konzentrieren.

Möchte man statt nur auf einer Ebene auf dreien üben, teilt sich die Intensität durch drei. Würde man also sonst 100% der generierten Energie in den Meridianen fließen lassen, wären es beispielsweise nur jeweils 33% auf der Haut, im Fleisch und der Organebene.

Statt drei Dingen gleichzeitig, ist es meist besser eine ordentlich machen.

Wenn man sich dennoch dazu entschließt zwei oder mehrere Ebenen in einer Einheit anzusprechen, ist es übrigens nicht nötig für jede Energieebene die jeweilige Übung zu machen. Man kann das Chi direkt von einer Ebene in eine andere umlenken. Dies bietet sich besonders von der Meridian- auf die Organebene an.


Qi Gong Standmeditation

Der „Bear Walk“ ist eine einfache und fantastische Qi Gong-Übung, die schon einigen Schülern geholfen hat, wieder besser gehen zu können.


Frage 5

Gibt es Übungen, die für die Blase gut sind?

- Elena

Der „Bear Walk“ aus den 18 Juwelen spricht die Beine und den Unterleib, somit auch die Blase, sehr gut an.

Ansonsten wird die Blase eher selten in den spezifischen Nutzen genannt. Wir können uns aber auf das korrelierende Organ im Wasserelement, die Nieren, berufen. Sind die Nieren stark, muss man beispielsweise seltener auf die Toilette.

Für die Nieren gibt es reichlich Übungen. Schließlich sorgen sie für sexuelle Vitalität, allgemeine Lebenskraft, Intelligenz und Lebensfreude. Außerdem sind die Nieren für Angst zuständig. Jenen, die ängstlich oder schüchtern sind oder unter Phobien leiden, können Nierenübungen tolle Dienste erweisen.

Gute Beispiele sind „Nieren nähren“, „Berge schieben“ und „Hula Hoop“.

 

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