Fragen und Antworten
Ausgabe 2018-07



Reiterstand

Ein pyramidenförmiger Reiterstand ist ideal für das Training innerer Kraft.


Frage 1

Warum halten wir die Oberschenkel in unserem Reiterstand nicht parallel zum Boden?

- Bernhard

Wenngleich der Reiterstand in jedem Kung Fu-Stil zu finden ist, so gibt es davon wohl ebenso viele Variationen wie es Stile gibt.

Besonders im Wushu-Training (modernes Kung Fu für demonstrative Zwecke) wird der Reiterstand häufig besonders tief stehend gelehrt und praktiziert. In Filmen sieht man immer wieder wie Praktizierende Reisschüsseln oder Teetassen auf ihren horizontalen Oberschenkeln balancieren und beim kleinsten Wackeln oder bei zu frühem Beenden der Übung sofort bestraft werden. Dies ist natürlich eine übertriebene Darstellung, aber dennoch findet man in vielen Stilen sehr tiefe Stände, bei denen die Oberschenkel waagrecht oder gar zum Körper hin nach unten geneigt sind.

Auch unser Großmeister lernte anfangs seine Oberschenkel parallel zu halten. Erst nach seinem Training bei Sigung Ho (Fatt Nam) realisierte er, dass der entscheidende Faktor für effektives Zhan Zhuang-Training die Entspannung ist. Daher rühren auch unsere drei goldenen Regeln des Standtrainings: „Relax, Relax und Relax“.

Durch die pyramidenförmige Stellung können wir uns relativ entspannt an das fordernde Training heranwagen. Bei besonders tiefen Ständen ist es kaum möglich locker zu lassen, wodurch das Üben schnell zu einer verkrampftem Durchhalteübung degeneriert. Durch das entspannte Stehen kann das Chi weiterhin gut fließen und sammelt sich in unserem abdominalen Dantian (Energiefeld im Unterbauch).

Nach und nach stellen regelmäßig Praktizierende fest, dass das gesammelte Chi sie während des Übens nach unten zieht und sich ihr Schwerpunkt nach unten verlagert. Durch dieses natürliche „Sinken-Lassen“ finden wir stets unsere individuell ideale Standhöhe, die dem jeweiligen Fortschrittsstand entspricht.

Die meisten Übenden, insbesondere Anfänger, sind außerdem nicht in der Lage ihre Oberschenkel waagrecht und dabei die Füße parallel zu halten. Sehr häufig sieht man dadurch nach außen weggespreizte Fußstellungen. Eben diese gilt es in unserem Training zu vermeiden, da das Chi dadurch wegfließen kann. Durch eine parallele Fußstellung bleibt das Chi in uns fokussiert. Außerdem ist ein gewisses Maß an Anspannung nötig, um bei abgespreizten Füßen nicht nach hinten umzufallen. Dies stünde natürlich unseren drei goldenen Regeln des Entspannens entgegen.

Auch vom Kampfaspekt her sind mittelhohe Stände vielseitiger einsetzbar und agiler. In manchen Situationen sinken wir für einen kurzen Moment tiefer als normal. Passende Beispiele sind „Precious Duck Swims through the Lotus“ im Shaolin Kung Fu und „Low Stance Single Whip“ im Wahnam Taijiquan. Regulär behalten wir aber eine durchschnittliche Standhöhe bei. Auch verliert man bei maximaler Tiefe einen wichtigen, taktischen Bewegungsaspekt im Kung Fu, das Sinken. Steht man von vornherein bereits so tief wie man kann, kann man nicht zusätzlich noch weiter sinken, um mittels Shen-Fa (Körperbewegung) einem Angriff auszuweichen und danach blitzartig kontern zu können. Stattdessen ist man auf zurückweichende Schritte angewiesen.

Schüler in Shaolin Wahnam sollten bei dieser Betonung, dass wir nicht so tief stehen wie anderswo häufig gezeigt, nur darauf achten, dass sie nicht ins Gegenteil verfallen und zu hoch stehen. Erst ab einer gewissen Tiefe kann das natürliche, spontane Absinken sich überhaupt manifestieren. Auch wenn wir unser Training immer genießen, sollten wir nicht komplett verweichlichen und aus Faulheit einfach mit breiten Beinen herumlehnen.


Frage 2

Du hast ja öfters erwähnt, dass die Punktmassage ja nicht so wichtig ist.

Irgendwie bin ich da in letzter Zeit schleißig geworden und habe sie öfters weggelassen.

Sollte ich sie doch immer machen?

- Andrea

Die Gesichtsmassage, die Punktmassage und die himmlische Trommel bilden den Abschluss jeder unserer Qi Gong-Einheiten.

Es ist wirklich nicht so tragisch, wenn man einzelne Elemente weglässt, besonders wenn man gerade mal weniger Zeit hat. Der wirklich essenzielle Abschnitt unserer Übungseinheit ist der Chi Flow.

Dennoch haben die abschließenden Übungen ihre Nutzen, sind mit gutem Grund im Standardablauf integriert und sollten nicht bloß aus Faulheit weggelassen werden.

Die Massagen lassen unser Gesicht strahlen und unsere Augen funkeln. Die Gesichtspunktmassage aktiviert nicht nur die Endpunkte einiger Meridiane, sondern ist auch eine der 8 Shaolin Augenübungen. Somit tuen wir jedes Mal, wenn wir üben, auch unseren Augen etwas Gutes.

Die Dauer der Massage einzelner Punkte kann übrigens zwischen ca. 2 und 10 Sekunden liegen. Wenn du also mal weniger Lust darauf hast, gehe die Punkte einfach flotter durch.


Qi Gong Gesichtsmassage

Die Punktmassage ist ein angenehmer und nützlicher Abschluss unserer Qi Gong-Übungseinheit.


Frage 3

Wenn man das Chi auf der Hautebene fließen lassen will, muss der Chi Flow dafür sanft sein oder kann man dabei auch in starke Chi-Bewegungen gehen?

- Elena

Das Chi auf der Haut fließen zu lassen ist die erste von fünf Ebenen in unserer Ausübung der Knochenmarksreinigung. Sie funktioniert optimal, wenn wir dabei in der Chi Flow-Phase nur in sanfte äußere Bewegungen gehen.

Heftige Chi-Bewegungen zuzulassen, wäre hier eine halbe Sache.

Möchten wir lieber selbst-manifestierende Chi-Bewegungen, um Blockaden zu lösen, dann lassen wir diese einfach zu und agieren nach Wu Wei. Wir beeinflussen also nicht was passiert. Das beinhaltet auch die Energie nicht auf die Hautebene zu leiten.

Interessant ist hierbei auch anzumerken, dass man Energie nur dann kanalisieren kann, wenn sie fließt. Chi Flow ist somit die Grundlage für das Lenken von Energie.

Entscheiden wir uns vor einer Übungseinheit eine der höheren Fähigkeiten zu praktizieren und das Chi zu kanalisieren, aktivieren wir den Energiefluss und leiten ihn dann wohin wir möchten. Falls wir bemerken, dass starke Bewegungen durchbrechen möchten, beenden wir die Beeinflussung, lassen einfach los und geben dem Chi die Möglichkeit frei für uns zu wirken.


Frage 4

Manchmal schaffe ich es, dass ich beim Qi Gong meinen Geist ganz beruhige. Manchmal geht es gar nicht so gut. Ist das normal?

- Patricia

So geht es wohl allen, die Qi Gong praktizieren.

Du stehst noch ganz am Anfang. Später wird es dir immer leichter fallen und öfter gelingen deinen Geist zu zähmen.

Lass dich nicht entmutigen, wenn es dennoch an manchen Tagen schwerer fällt. Viele Faktoren, wie unsere Tagesverfassung, die Tagesenergie, der Ort an dem wir uns aufhalten und natürlich auch die Geschehnisse des Alltags nehmen Einfluss auf unsere Praxis.

Das ist nicht weiter schlimm, sondern vielmehr kann es auch hilfreich sein. Schließlich sollten wir ohnehin nicht ständig mit voller Intensität praktizieren, um Übertraining zu vermeiden. Nicht so tief in die Meditation eintreten, ist somit ein probates Mittel, um die Kraft unseres Übens zu dämpfen.


Qi Gong Standmeditation

Jedes Mal, wenn wir Qi Gong praktizieren, üben wir unseren Geist zu zähmen.


Frage 5

Angenommen, eine Erkrankung ist angeboren und/oder hat mir der DNA zu tun. Wie sieht es dabei mit Heilung aus?

Theoretisch ja, weil jede Erkrankung mit einer Energieblockade zu tun hat, aber wie ist es praktisch?

Dauert das lange?

- Bernhard

Da unser Körper innerhalb von etwa 7 Monaten (je nach Quelle) komplett erneuert wird, indem jede Zelle eine Kopie ihres Vorgängers ist, kann man theoretisch alle Zellen irgendwann durch eine positive Variante ersetzt haben. In der Praxis kann es mitunter auch länger dauern. Wichtig ist hier natürlich auch wie gut man loslässt, zum Beispiel die eigene Identifikation mit dem jeweiligen Umstand.

Angeborene DNA kann man in der Qi Gong-Philosophie mit karmischen Blockaden vergleichen. Sie stammen aus früheren Leben und/oder wurden uns von den Eltern übertragen. Wie du weißt, können selbst diese aufgelöst werden. Besonders hilfreich hierfür ist die Knochenmarksreinigung auf Organ- und Nervenebene.

Reinigungsprozesse sind sehr individuell. Manches ist schnell überwunden. Manches benötigt mehrere Reinigungszyklen. Daher kann man hier leider keine pauschale Antwort geben. Glücklicherweise können viele Schüler von Shaolin Wahnam froh zurückblicken und sich über die Überwindung verschiedenster Leiden freuen.

 

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