Fragen und Antworten
Ausgabe 2018-04



Standmeditation

Jede unserer Trainingseinheit endet mit der Standmeditation.


Frage 1

Meine heutige Frage betrifft die Kultivierung des Zen-Zustands bzw. die Zenmeditation, der ja für unser Chi Kung (Chiflow) bzw. für den Aufbau der inneren Kraft essenziell ist.

Es gibt ja 2 Methoden:

Bei der sogenannten 1-Punkt Methode konzentriert man sich auf ein Meditationsmedium wie z.B. auf den Atem.

Bei der 0-Punkt-Methode versucht man den Geist frei von Gedanken zu halten.

Das ist auch die Methode, die du uns beim Chi Kung / Chi Flow und beim Kung-Fu näher bringst. Das aktive Rausschmeißen der Gedanken.

Ich komme mit der 1-Punkt-Methode aber besser zurecht.

Ich konzentriere mich beim Chi Flow oder Standtraining auf den Atem. Wenn Gedanken auftauchen, versuche ich sie als solche zu erkennen, lass sie weiterziehen bzw. schmeiß sie aktiv raus und komm dann zurück auf den Atem.

Wenn ich die 0-Punkt-Methode probiere, lande ich auch sofort mit meiner Aufmerksamkeit beim Atem, nachdem ich die Gedanken aktiv rausgeschmissen habe.

Ich wanke auch immer zwischen aktiv rausschmeißen und einfach erkennen und passiv weiterziehen lassen.

Wie soll ich weitermachen?

- Thomas

Es stimmt, dass alle Meditationsformen in zwei grundlegende Kategorien eingeteilt werden können, also mit Fokus auf Eins oder Null.

Beim Fokussieren auf Eins werden all die tausenden Gedanken durch einen einzigen ersetzt, was natürlich schon eine riesige Errungenschaft ist. Hierfür könne verschiedenste Mittel hilfreich sein. Der Fokus auf den Atem ist eine häufig verwendete Methode. Aber auch Mantras, Gebete, Bilder, Empfindungen und Visualisierungen werden in verschiedensten Stilen verwendet. Schlussendlich ist die Eins aber nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zur Leere, die erreicht wird indem man die Eins schließlich zur Null auflöst.

Zen ist die direkteste aller Methoden. Hierbei streben wir direkt auf die Null zu. Üblicherweise machen wir dies indem wir aufstrebende Gedanken einfach wegwerfen.

In unserem Training verwenden wir beide Methoden, wobei wir die Meditation auf Null als höherwertig erachten. Daher überrascht es nicht, dass dir die einsgerichtete Methode leichter fällt. Dass du stets automatisch zu deinem Atem zurückkehrst ist aber wohl konditioniert, also Angewöhnung.

Die Gedanken passiv beobachtend weiterziehen zu lassen ist eine weitverbreitete Methode, die in der Vipassana-Meditation verwendet wird. In unserem Zen-Training machen wir aber einfach kurzen Prozess mit Gedanken, die unser „Monkey Mind“ auf uns zu hetzen versucht.

Einsgerichtet den Atem oder die Bewegungen wahrzunehmen, kann anfangs hilfreich sein. Im Zhan Zhuang (Standtraining) ist es eine bewährte Methode die Atemzüge „auf das Dantian“ zu zählen, um die Dauer des Trainings abschätzen zu können. In den letzten Jahren präferiert Sifu aber auch hierbei sich einfach nur auf allen Ebenen zu entspannen.

Mit etwas Übung wir es dir auch gelingen den Zustand der Leere für ein paar Sekunden aufrecht halten zu können, also lass dich darauf ein. Immer wenn du bemerkst, dass wieder Gedanken aufsteigen, wirfst du sie einfach raus, ohne sie zu interpretieren oder dich gar zu ärgern, dass sie gekommen sind. Das ist ein endloses Spiel, aber man bekommt mit der Zeit immer mehr Geschick darin und die Pausen zwischen zwei Gedanken werden immer länger werden. Eine gute Hilfe dabei ist es die Stille zu genießen.


Frage 2

Danke für deine aufschlussreichen Infos.

Du hast recht, das automatische Zurückkehren auf den Atem und das passive Beobachten habe ich mir durch jahrelange Meditationspraxis angewöhnt. Werde jetzt konsequent den 0-Ansatz üben.

Wie soll ich mit Empfindungen und Gefühlen beim 0-Ansatz umgehen?
Auch aktiv rauswerfen und nicht passiv beobachten bis sie verschwinden?

- Thomas

Neben „keine Sorgen machen“ und „genieße die Praxis“ zählt „nicht intellektualisieren“ zu unseren drei goldenen Regeln. Das bedeutet, dass wir aktive, irrelevante Gedanken rauswerfen.

Unsere non-verbale Wahrnehmung brauchen wir aber nicht vollkommen abzudrehen. Auf höchstem Niveau, also beim Erlangen der Erleuchtung, fällt mit der Auflösung des Selbst auch die subjektive Wahrnehmung weg, während sie durch das direkte Erfahren kosmischer Einheit ersetzt wird. Bis dahin lassen wir aber Empfindungen und Gefühle durchaus einfach geschehen.

Wichtig ist nur, dass wir sie weder interpretieren und analysieren (zumindest nicht während des Übens), noch uns in sie hineinsteigern. Sobald wir also bemerken, dass wir uns über die Empfindungen „Gedanken machen“, werfen wir diese wieder wie gewohnt raus.

In einem inneren „Zwiegespräch“ mit unseren Empfindungen würde das also etwa so aussehen:
„Aha! Da kribbelt es in den Händen.“ oder „Ah! Der Unterbauch spannt gerade“

Wir fragen auftretende Phänomene also nicht woher sie kommen, warum sie da sind und wohin sie gehen, wie:
„Aha! Meine Hände kribbeln. Ist das nun das Chi oder ist meine Blutzirkulation angeregt? Ob ich dadurch nun auch besser fühlen kann? ...“
bzw.

„Ah! Der Unterbauch spannt gerade. Habe ich was falsch gemacht? Habe ich Blähungen? Oder ist das dieses Dantian (Energiefeld), von dem Sifu immer spricht? ...“

Wir nehmen Empfindungen während der Praxis zur Kenntnis, kümmern uns aber nicht weiter um sie. Eine äußerst seltene Ausnahme hierbei wären natürlich ungewöhnliche, starke Schmerzen, die uns als Warnzeichen bei fehlerhafter Ausübung dienen sollen.


Goldene Brücke

Die goldene Brücke ist eine besonders kraftvolle Standposition aus dem Zhan Zhuang.


Frage 3

In letzter Zeit, wenn ich in der Golden Bridge stehe, beginnt mein Oberkörper immer stark zu schwingen. Ist das in Ordnung?

- Anna

Ja, das ist ein Zeichen für deinen guten Fortschritt!

Du bist einerseits so entspannt, dass dein Qi gut fließen kann, andererseits hast du bereits viel innere Kraft gesammelt, die deinen Körper in Bewegung versetzt.

Das ist eine Manifestation der klassischen Redewendung „Extreme Stille erzeugt Bewegung; extreme Bewegung erzeugt Stille“. Durch die ruhige Haltung der Pose, entsteht innerliche Bewegung, indem deine Energie stark fließt und sich nach außen in körperlicher Bewegung manifestiert. Andersrum erfahren wir innerlich geistige Ruhe und Klarheit, während wir uns in schnellen Kung Fu- oder Tai Chi Chuan-Techniken bewegen.

Die meisten Lehrer würden raten jegliche Bewegung zu unterdrücken, weil das Standtraining ja als stilles Qi Gong gilt und in einer ruhenden Position durchgeführt wird. Da sie weder Kenntnis noch die Fähigkeiten dafür haben ihr Qi fließen zu lassen und spontane Schwingungen und Bewegungen zu generieren, würden sie zum Stillstehen anweisen.

In Shaolin Wahnam wissen wir jedoch um die Bedeutung dieser Manifestationen innerer Kraft. Bei den meisten Schülern beginnen nach einiger Zeit der Praxis die Hände zu vibrieren und später die Arme zu schwingen. Eine Zeit lang glich meine „goldene Brücke“ eher den Wolkenhänden aus dem Tai Chi Chuan als einer Standmeditation. Später wurde der Stand wieder ruhiger.

Auch, dass der Oberkörper etwas schwingt ist völlig normal. Bei einigen beginnen später die Beine zu federn, wodurch der Name „Reiterstand“ plötzlich eine völlig neue Bedeutung bekommt.

Wenn die Bewegungen sehr stark werden und über das Maß von sanften Schwingungen hinausgehen, denke kurz an dein Dantian und zähme den Energiefluss so ein wenig. Musst du das alle paar Sekunden erneut tun, genieße die Bewegungen oder gehe in den Chi Flow über.


Frage 4

Du hattest geschrieben, dass Eifersucht mit dem Herzen zu tun hat. Im Forum las ich irgendwo, dass Eifersucht mit Angst zu tun hat und somit zu den Nieren gehört.

Immer wieder wenn ich irgendwo im Internet über TCM lese kommt es vor das manche Themen zu unterschiedlichen Organen zugeordnet werden als anderswo oder zu zwei oder mehreren Organen. Weißt du vielleicht warum das so ist?

- Bernhard

Die fünf Grundemotionen (Freude, Angst, Trauer, Ärger und Sorge) sind eindeutig den fünf Wandlungsphasen (Feuer, Wasser, Metall, Holz und Erde) und deren entsprechenden Organen (Herz/Dünndarm, Nieren/Blase, Lunge/Dickdarm, Leber/Gallenblase, Milz/Magen) zugeordnet.

Es gibt darüber hinaus aber noch viele weitere Emotionen und Verhaltensmuster. Manche davon sind abgeschwächte oder stärker ausgeprägte Formen der Grundemotionen. So ist Schock zum Beispiel extreme Angst. Andere wiederum sind Mischungen mehrerer Emotionen. So kann man beispielsweise Nervosität dem Magen (Sorgen) zuschreiben, den Nieren (Ängstlichkeit) oder auch beiden.

Es obliegt häufig der Interpretation oder der jeweiligen Situation, welchem Organ oder welchen Organen man manche Emotion zuordnet.


Qi Gong-Übung Double Dragon

Hochwertiges Qi Gong ist sehr kraftvoll. Darum sollte man es nicht damit übertreiben.


Frage 5

Wie kann ich die Intensität meines Trainings auf ein Niveau bringen auf dem ich langfristig gut üben kann?

Wie kann ich die Intensität der Meditation ändern bzw. senken ohne zusätzliche Gedanken zu haben?

- Bernhard

Da sich unsere Bedürfnisse stetig verändern, kann man nicht eine langfristige Konstante erwarten. Im Zweifel lieber etwas zu wenig als zu viel üben.

Meditieren bedeutet keine Gedanken zu haben bzw. diese nicht weiterzuführen. Der Gegenpol ist somit Gedanken zu haben.

Du kannst aber folgendes ausprobieren. Übe eine Session mit deinem halben Potential, also mit 50%iger Intensität. Beim nächsten Mal übst du mit der halben Intensität der vorherigen Einheit, womit du bei 25% angelangt bist, was unserer Empfehlung von 30% nahekommt plus dem Credo „weniger ist mehr“.

 

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