Fragen und Antworten
Ausgabe 2017-12



Qi Gong in der Natur

Am besten genießt man Qi Gong ungestört in der Natur.


Frage 1

Was soll man tun, wenn man beim Qi Gong unterbrochen wird, also, wenn man angesprochen wird oder das Handy läutet?

- Andreas

Das ist eine sehr gute Frage, deren Antwort für viele wichtig ist.

Zunächst sollte man „niemals unvorbereitet in die Schlacht ziehen“. In Bezug auf unsere Shaolin-Praxis bedeutet das für das Üben einen ruhigen Raum oder Platz im Freien aufzusuchen. Wenn kein eigener Trainingsraum zur Verfügung steht, dann sollte man – zum Beispiel im Wohnzimmer – etwas Platz schaffen. Fernseher, Radio ebenso wie das Handy werden ab- bzw. leise gedreht. Haustiere und Mitbewohner werden des Raumes verwiesen. Die 10 bis 15 Minuten deiner Praxis in Stille gehören nur dir.

Was nun aber, wenn sich doch ein störendes Geräusch breitmacht?

In Shaolin Wahnam sehen wir das als Herausforderung. In absoluter Stille am Urlaubsstrand kann sich jeder entspannen. Schlussendlich möchten wir unsere innere Ruhe aber auch in Stresssituationen bewahren können. Somit sind kleine Störungen durchaus eine willkommene Möglichkeit uns weiter zu verbessern.

Wie ich gerne im Kwoon erwähne: „So wie der Lastwagen vorbei und dann davon fährt, zieht auch mein Gedanke an ihn einfach einmal kurz durch und verschwindet wieder.“

Wenn man nun mal vergessen hat das Handy abzuschalten. Sag dir einfach, das kann sicher die 10 Minuten warten, und wirf den Gedanken daran wieder raus, anstatt zu grübeln wer das nun gewesen sein könnte. Dein Handy wird dich nach dem Üben daran erinnern wen du zurückrufen sollst.

Bei Störungen, die sich absolut nicht ignorieren lassen, unterbrich deine Praxis kurz, um sie zu beseitigen, und setze das Üben nach einer kurzen Entspannungsphase wieder fort.

Wenn du während der Mediation durch ein Geräusch erschreckt wirst, sage dir selbst, dass alles in Ordnung ist und es dir nichts anhaben kann. Nach Klärung des Vorfalls und kurzer Entspannung, fahre fort.

Falls der Feueralarm losgeht, beende deine Praxis umgehend und verlasse das Haus. Sobald du in Sicherheit bist, kannst du mit einem sanften Chi Flow noch kurz abschließen. Sicherheit geht immer vor.


Frage 2

Ich mache morgens gerne Qi Gong und eine Standtraining-Session aus meinem Kampfkunst-Training.

- Martha

Es ist weder nötig, noch ratsam, zusätzlich zum Qi Gong auch noch eine Einheit Zhan Zhuang zu machen. Das Standtraining ersetzt die Qi Gong-Session bzw. ist selbst eine Einheit Energiepraxis.

Egal, ob wir Shaolin Qi Gong, Shaolin Kung Fu oder Tai Chi Chuan praktizieren, alle drei Künste sind in unserer Schule dreifache Kultivierung, trainieren also Körper, Energie und Geist.

Wenn wir also meinen, dass wir unsere Künste – im Idealfall – zweimal täglich üben, sind damit zwei Einheiten irgendeiner Energiepraxis gemeint. Es bietet sich zum Beispiel an, morgens 10-15 Minuten Qi Gong zu üben und abends 30-60 Minuten Tai Chi Chuan und/oder Shaolin Kung Fu. In die Kampfkunsteinheit können auch Qi Gong-Übungen, wie vorzugsweise Himmel anheben und die Art of Flexibilityeingestreut werden.

Ich würde aber nicht nur Qi Gong und Standtraining, das selbst auch „stilles Qi Gong“ genannt wird, üben. Beide sind, relativ gesehen, sehr statisch und konsolidierend und fallen daher in die Kategorie einer Qi Gong-Einheit von insgesamt 10-15 Minuten. Der Grund, warum wir in der Kampfkunsteinheit mehrere verschiedene Dinge unterbringen, ist, dass wir uns dabei viel mehr bewegen und die Energie somit fließender ist. Dadurch können wir uns mehr „leisten“.


Zhan Zhuang Taj Mahal

Andrea genießt ihr Standtraining im Urlaub vor dem Taj Mahal.


Frage 3

Gelten die 8 Shaolin Augenübungen eigentlich als eine Qi Gong-Übungseinheit oder kann ich zusätzlich auch meine Qi Gong-Session machen?

- Andreas

Da es nicht das Ziel der 8 Shaolin Augenübungen ist Chi Flow auszulösen, ist es durchaus auch zusätzlich möglich, ohne gleich ins Übertraining zu geraten.

Es bietet sich an die Augenübungen frühmorgens zu machen und anschließend Qi Gong zu üben.

Viele unserer Schüler haben außerdem berichtet, dass sich ihre Sehkraft auch ohne dem speziellen Augentraining deutlich verbessert haben. Mithilfe der einfachen Augenübungen kann dies natürlich noch weit schneller geschehen.


Frage 4

Was macht man eigentlich mit der Tigerklaue?

- Raffael

Entgegen der häufigen Annahme, dass die Krallen dazu da sind, um den Gegner zu kratzen, was auch oft in Filmen dargestellt wird, hat die Tigerklaue traditionell drei Einsatzzwecke, die weit über das bloße Kratzen hinausgehen.

1. Fleisch herausreißen
2. Gelenke ausrenken
3. Energiepunkte lähmen

Die Tigerklaue ist demnach eng mit Chin-Na, der Kunst von Hebel- und Grifftechniken verbunden.

Mit den Krallen wird nicht nur festgehalten, vielmehr bohrt sich jeder der fünf Finger eines Meisters tief in den Gegner. Je nach Vorhaben des Praktizierenden wird der gegnerische Arm (oder dessen Bein) schwer verletzt.

Auf höchstem Niveau kann ein Chin-Na-Meister den Arm des Gegners lähmen, indem er den Energiefluss darin blockiert. Dies kann umgehend kampfbeendend sein, da der Gegner kampfunfähig wird. Diese Methode ist die mitfühlendste, weil die temporäre Lähmung durch einen Qi Gong-Heiler oder TCM-Arzt rückgängig gemacht werden kann, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. Das Fleisch des Gegners herauszureißen oder Gelenke zu brechen ist weit schwerer wiederherzustellen.

Da die wenigsten „modernen“ Menschen an Chi glauben (was verständlich ist, wenn sie niemals Erfahrung damit gemacht haben), zweifeln sicherlich viele daran, dass Chin-Na und Dim-Mak mit bloßer Berührung Lähmungen hervorrufen können. Für uns, die wir es gewohnt sind unseren Energiefluss zu fördern, ihn oft sogar selbst wahrnehmen können, ist das weit besser vorstellbar. Im Qi Gong, insbesondere im Chi Flow, lösen wir Blockaden in unserem Energiesystem, um alle körperlichen Funktionen zu verbessern und Schmerzen zu beseitigen. Viele Menschen haben es dank ihres Trainings mit uns geschafft, ihren Rollenstuhl hinter sich zu lassen und wieder volle Mobilität zu erlangen.

Bei Chin-Na und Dim-Mak macht man genau das Gegenteil. Anstatt Blockaden zu lösen, werden diese künstlich erzeugt. In Shaolin Wahnam haben viele diese Fähigkeit entwickelt. Zum Glück haben wir ja unseren Chi Flow, der absichtlich oder unabsichtlich herbeigeführte Blockaden rasch wieder löst, bevor sie sich verhärten und manifestieren können. Während unser Großmeister in jungen Jahren mehrere Monate sein Training aussetzen musste, nachdem ihm einer seiner Sihengs berührungslos eine innere Verletzung zugefügt hatte, benötigen wir heute nur ein paar Minuten, um die Blockade zu bereinigen.


Tigerklaue im Shaolin Kung Fu

Großmeister Wong legt den Arm seines Sohnes, Sifu Wong Chun Nga, mithilfe der Tigerklaue lahm.


Frage 5

Atmen wir im Chi Flow eigentlich auch durch die Nase ein und durch den Mund aus?

- Johannes

Im Chi Flow ist es egal wie wir atmen. Demnach ist es sogar auch andersrum möglich.

In der spontanen Phase des freien Energieflusses ist der Atem also ebenso frei wie die Chi-Bewegungen.

Auch Husten, Stöhnen, Schreien und allerlei andere Laute sind im Chi Flow nicht ungewöhnlich.

Erst in der Standmeditation kehren wir zur üblichen und auch natürlichen Atemfolge, also durch die Nase ein und durch den Mund aus, zurück.

 

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