Fragen und Antworten
Ausgabe 2017-11



Qi Gong Schmetterling

Auch wenn die Ausführung der wunderbaren Qi Gong-Übungen noch so schön ist, beschränken wir uns auf 1-3 Techniken in 10-15 Minuten Übungszeit.


Frage 1

Ich schaffe es nicht immer zweimal 10 bis 15 Minuten am Tag zu üben. Kann man dann auch einmal 30 Minuten üben?

- Sabine

Nein, eine Übungseinheit sollte nicht länger als 10-15 Minuten dauern. Mehr ist weder nötig, noch ratsam. Wenn man mal eine von zwei täglichen Einheiten ausfallen lassen muss, ist das nicht weiter schlimm. „Aufholen“ kann man sie nicht.

Wenn man mal eine Mahlzeit ausfallen lassen muss, kann man deswegen auch nicht beim nächsten Essen die doppelte Menge zu sich nehmen, weil der Magen einfach nicht mehr Platz hat. Beim Versuch es trotzdem zu machen wird man sich nicht wohl fühlen.

Ebenso hat unser Körper eine gewisse Kapazität, die er an Energie verarbeiten und integrieren kann. Auch wenn es durchaus möglich ist noch mehr Energie als dieses Limit aufzunehmen, ist es nicht ratsam, da man das System überlädt. Auf Dauer kann man so ins Übertraining gelangen, das gegenteilige Effekte von dem was wir erreichen möchten hervorbringt.

Eine Einheit am Tag sollte man möglichst beibehalten. Aber auch hier gilt die Regel, dass man nicht zum Sklaven seiner Kunst werden soll. Wenn man einmal im Monat einfach keine Gelegenheit hat zu üben, dann sollte man sich deswegen nicht schuldig fühlen oder sorgen, sondern einfach am nächsten Tag die Praxis wieder wie gewohnt aufnehmen. Eine guter Plan-B ist außerdem die Übungseinheit auf 2-5 Minuten zu reduzieren. Zum Beispiel einfach hinstellen und den Chi Flow genießen. Auch wenn dies auf Dauer nicht so effektiv ist wie eine „richtige“ Session, ist es noch weit besser als gar nicht zu üben.


Frage 2

Außerdem möchte ich auch gerne die vielen Übungen wiederholen, damit ich sie nicht vergesse.

- Sabine

Das aktive Ausführen von Übungen macht etwa ein Drittel, also 3-5 Minuten unserer Übungseinheit aus. Der Rest der Zeit ist für Chi Flow und Standmeditation reserviert. In den Übungsteil können wir beliebig viele Übungen in irgendeiner Reihenfolge einfügen.

Üblicherweise verwenden wir 1-3 Qi Gong-Übungen während einer Praxis-Session. Auch hier gilt unser Credo „weniger ist mehr“. Mit nur einer Übung dringt man zumeist am tiefsten in den Qi Gong-Geisteszustand ein.

Was aber nun mit den vielen tollen Übungen, wenn man sie nicht vergessen möchte?

Generell empfiehlt es sich neu gelernte Übungen in den ersten paar Tagen ein paar Mal in die tägliche Praxis einzubauen, damit sie „einsickern“ und länger präsent bleiben.

Während die meisten Praktizierenden außerhalb unserer Schule lediglich die äußere Form von Qi Gong wiederholen, also eigentlich sanfte Gymnastik betreiben, üben wir in Shaolin Wahnam stets auf einer sehr hohen und kraftvollen Niveau. Im Laufe der Zeit erlernen wir mit den 18 Lohan Hände, den 18 Juwelen, dem Spiel der fünf Tiere und einigen weiteren Sammlungen eine große Vielfalt verschiedenster Übungen. Da ist es nicht so leicht stets alle im Gedächtnis zu behalten, wenn man pro Session nur 1-3 Übungen auswählt.

Darum kann man außerhalb der eigentlichen Qi Gong-Session auch einfach mal auf Formebene wiederholen, also nicht in die Meditation eintreten und nicht auf den Energiefluss achten. Auf diese Weise setzen wir die Intensität unserer Praxis absichtlich auf das allgemein übliche Niveau herab, um die Techniken zu memorieren. Interessanterweise ist es für uns schon so natürlich geworden immer kraftvoll zu üben, dass das anfangs oft gar nicht so leichtfällt. Mit ein wenig Übung klappt es aber auch ganz gut.


spontane Qi-Bewegungen

Chi Flow verhilft uns zu tiefer Reinigung auf allen Ebenen. Manchmal können dadurch Nebeneffekte entstehen, die kurzfristig unbequem sind, uns aber schließlich stärker, reiner und besser machen.


Frage 3

Kann es sein, dass sich manche Dinge durch die Qi Gong-Praxis zuerst verschlimmern, bevor sie sich auflösen?

- Petra

Ja, das kann durchaus vorkommen. Ein Begriff, der in anderen Sparten gerne dafür verwendet wird, ist „Erstverschlimmerung“.

Eine „Nebenwirkung“, die durch die Qi Gong entstehen kann, sind sogenannte „gute Schmerzen“. Nicht, dass Schmerzen generell gut wären, eigentlich im Gegenteil. Treten im Zuge der Qi Gong-Praxis aber – zumeist dumpfe, drückende – Schmerzen, auf, sind diese eine Zeichen dafür, dass das Chi gerade an einer schon zuvor bestandenen Blockade arbeitet.

Irrtümlich könnten Menschen mit Rückenproblemen, die mit Qi Gong beginnen, annehmen, dass sie von Qi Gong Rückenschmerzen bekommen. Dabei sind diese rund um die Praxis kurzfristig auftretenden dumpfen Schmerzen bereits ein gutes Zeichen für erfolgreiches Üben. Die Blockade, die also den Schmerz verursacht, entsteht also nicht durch Qi Gong. Vielmehr macht uns die Qi Gong-Praxis die bereits vorhandenen Blockaden bewusst, während sie dabei ist diese zu beseitigen. Daher sind Unbequemlichkeiten und drückende Schmerzen über einen gewissen Zeitraum kein Grund zur Besorgnis. Bei stechenden Schmerzen oder im Zweifel klärt man solche Dinge natürlich am besten mit seinem Sifu ab.

Qi Gong ist ein wunderbares Mittel, um aufgestaute Emotionen abzubauen und diese loszulassen. Während sich blockierte Gefühle lösen, kann es vorkommen, dass sich diese vorübergehend noch ein letztes Mal manifestieren. Wer also beispielsweise alten Groll mit sich herumgetragen hat und diesen dank seiner Qi Gong-Praxis auflöst, kann während des Reinigungsprozesses schon mal etwas grantig werden. Dies kann in kurzen Momenten, also zum Beispiel von Geräuschen oder Schreien begleitet während eines Chi Flows, bis hin zu mittelfristigen Phasen auftreten.

Wichtig ist nur, dass man daran nicht wieder anhaftet, sondern einfach loslässt. Wenn man die Emotion hinterfragt, wird man feststellen, dass sie eigentlich keinen aktuellen Auslöser hat. So wie absolut alles andere auch, bestehen Emotionen schlussendlich auch nur aus Energie. Ist Energie blockiert, bringen wir sie in Fluss und lassen Verbrauchtes und Unnützes los.


Frage 4

Am Montag beim Five Animal Set üben kamen wir beim Plaudern kurz auf Dragon Speed. Und auch von Dragon Force und Tiger Force habe ich schon mal gelesen.

Ich würde gern deine Meinung wissen was Dragon Speed, Dragon Force und Tiger Force sind und ob und welche Verbindungen es zu den Animal Spirits gibt und was die Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind.

- Bernhard

Traditionell steht der Leopard für Geschwindigkeit. In Shaolin Wahnam steht Dragon Speed für die höchste Geschwindigkeit. Hierbei wird das Prinzip "Mind moves Chi, Chi moves Jing", also "der Geist bewegt die Energie, die Energie bewegt den Körper" umgesetzt. Eigentlich wird jede Bewegung, auch von Menschen, die noch nie von Qi Gong oder inneren Kampfkünsten gehört haben, so ausgeführt. Das heißt ein Gedanke gibt den Befehl, worauf die Energie die nötigen Muskeln bewegt. Im Kung Fu lernen wir dies aber sehr viel effektiver zu machen. Durch drastische Erhöhung des Energieflusses wird der Körper sehr viel schneller bewegt als es rein physisch möglich wäre.

"Dragon Force" wird auch als "Release Force" bezeichnet, also eine Kraft, die einen befreit. Hierbei wird Fa-Jing an irgendeiner Stelle des Körpers angewandt, also innere Kraft explosionsartig nach außen geschleudert. "Dragon Force" wird zum Beispiel eingesetzt, um einen Gegner, von dem man umklammert wird, wegzuschleudern.

Der Tiger steht allgemein bereits für innere Kraft. Mit dem Ausdruck "Tiger Force" meint man eher konsolidierte, also gebündelte innere Kraft, wie man sie in vielen Tiger-Techniken einsetzt. Sei es zum Schlagen, wie in "Black Tiger Steals Heart", oder beim Einsatz der Tigerklauen, wie beispielsweise in "Hungry Tiger Snatches Goat".


Swimming Dragon

Der Drache im Shaolin Kung Fu trainiert nicht nur den Geist, sondern wartet auch mit einigen Spezialitäten auf.


Frage 5

Mir ist aufgefallen, dass wir bei der Qi Gong-Übung „Drei Ebenen zur Erde“ genau andersrum zur Kniebeuge in westlichem Fitnesstraining atmen, wo man ja bei Belastung ausatmet.

Warum ist das so?

- Hannes

Anders als eine westliche Kniebeuge im Fitnesstraining, dient „Drei Ebenen zur Erde“ aus den 18 Lohan Händen nicht direkt dem Muskelaufbau. Im Zentrum der Übung steht es die Beine zu entspannen und so den Energiefluss darin zu fördern, was wiederum auch deren Kraft stärkt. Außerdem werden Beweglichkeit und Agilität verbessert.

Für viele mag es überraschend sein, dass die Übung ideal ist, um sich nach Anstrengungen wie Sport oder Wandern rasch zu regenerieren. Wer es ausprobiert hat – und sie als authentische Qi Gong-Praxis ausführt – weiß wie effektiv sie ist. Die drei Ebenen – Oben, Mitte und Unten – werden komprimiert und die Energie wird wieder in die erschöpften Beine „gepumpt“.

Weiters stärkt die Übung das Herz, wobei man bei Kreislauf- oder Blutdruckproblemen behutsam damit umgehen sollte. Auch bei Problemen mit den Knien, Fußgelenken oder bei Beckenschiefstand ist die Übung sehr hilfreich.

Ein weiterer, spezifischer Nutzen von „Drei Ebenen zur Erde“ ist es den Energiefluss des „kleinen Universums“ („mikrokosmischen Orbits“), also entlang der Ren- und Du-Meridiane, anzuregen. Wir nennen den Modus in diesem Fall „sanftes kleines Universum“; der andere wäre das „kraftvolle kleine Universum“.

Beim Muskelkrafttraining ist es üblich bei Belastung auszuatmen. Bei einer Kniebeuge also beim Hochkommen. Während dem Sinken atmet man ein.

Bei der Qi Gong-Übung „Drei Ebenen zur Erde“ fließt die Energie beim Sinken entlang des Du-Meridians (Lenkermeridian) spontan den Rücken hoch. Dies entspricht in der Praxis des „kleinen Universums“ dem Ausatmen. Beim Hochkommen fließt das Chi dann mit dem Einatmen wieder die Vorderseite des Oberkörpers hinab.

Bei Praktizierenden, die bereit dafür sind und schon reichlich innere Kraft angesammelt haben, kann das Training von „Drei Ebenen zur Erde“ auch zu einem echten, also permanenten, Durchbruch des kleinen Universums führen. Bei anderen ist der universelle Kreislauf nur temporär während des Übens bzw. noch für kurze Zeit danach vorhanden.

Mehr dazu im Artikel „Das kleine Universum – der mikrokosmische Orbit“.

 

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