Fragen und Antworten
Ausgabe 2017-8



Buddhistischer Mönch Meditation

Da wir keine Mönche sind und andere Ziele haben, praktizieren wir üblicherweise keine sitzende Meditation.


Frage 1

Warum beinhaltet unsere Qi Gong-Praxis eigentlich stehende, aber keine sitzende Meditation?

- Andreas

Die sitzende Meditation ist nicht Teil unseres üblichen Lehrprogramms. Es ist die kraftvollste und zugleich risikoreichste aller Künste im Shaolin-Training.

Für Anfänger ist die sitzende Meditation generell nicht geeignet. Vielmehr ist sie ein kraftvolles Werkzeug für Mönche und Nonnen, also jene, die ihr Leben der spirituellen Entwicklung gewidmet haben, um die Erleuchtung zu erlangen.

Das Ziel der meisten Menschen in unserer Gesellschaft ist es ein gesundes, glückliches und langes Leben zu führen. Hierfür sind die reinigenden und stärkenden Wirkungen von Qi Gong viel sicherer und besser geeignet. Bei mentalen und emotionalen Problemen, kann die sitzende Meditation rasch mehr Schaden als Nutzen bringen. Eine falsche Sitzhaltung kann sich außerdem negativ auf den Körper auswirken.

Ich vergleiche Qi Gong gerne mit einem Geländewagen und die sitzende Meditation mit einem Rennauto. In unebenem Gelände kommt man mit einem Rennauto nicht gut voran. Hierfür ist der Jeep viel besser geeignet. Gelangt man am Ende des Feldwegs auf eine schön planierte Straße, ist man mit dem Rennauto schneller unterwegs.

Ebenso könnte man sagen, dass Qi Gong die Planierraupe ist, die den Weg bereinigt, auf dem man mit dem Rennwagen dann rasch dahingleiten kann.

Der ehrenwerte Bodhidharma fand die Mönche im Shaolin-Kloster bei seiner Ankunft im 6. Jhd. n. Chr. kränklich und geschwächt vor. Sie hatten weder genügend Gesundheit, noch Kraft, um die langen und anstrengenden Einheiten ihrer sitzenden Meditation sinn- und wirkungsvoll durchzustehen. Viele schliefen währenddessen ein. Darum lehrte er sie die 18 Lohan Hände, um ihren Energiefluss harmonisch zu machen, also Gesundheit zu erlangen. Danach übten sie die Sehnenmetamorphosen (Yi Jin Jing), um innere Kraft, Mut und einen klaren Geist zu entwickeln. Die Knochenmarksreinigung (Xi Sui Jing) reinigte sie in tiefsten Schichten und stärkte sie zusätzlich. So waren sie dann gerüstet mit der (sitzenden) Zen-Meditation beginnen zu können, um schließlich ins Nirvana einzutreten.

Diese Methodik hat sich über viele Jahrhunderte bewährt und dient uns auch heute noch als Richtschnur. Da wir kein Kloster betreiben, sondern vielmehr Gesundheit, Vitalität, Leistungskraft und ein langes Leben in Samsara (dem weltlichen Kreis der Wiedergeburt) anstreben, genügen die ersten Stufen, die unser Qi Gong vermittelt, vollkommen.

Während unserer Qi Gong-Praxis verweilen wir nach den dynamischen Übungen und dem spontanen Chi Flow ein wenig in der Standmeditation. In dieser Phase hat die Energie die Gelegenheit sich wieder zu „setzen“ und neu auszurichten.

Auch wenn wir in jeder Phase unserer Praxis dreifache Kultivierung betreiben, also Körper, Energie und Geist zugleich trainieren, so ist der Fokus in den einzelnen Abschnitten unterschiedlich. Während der willentlichen Ausführung von Übungen liegt der Fokus etwas mehr auf Jing, also dem Körperlichen. Während dem Chi Flow ist der Schwerpunkt auf der Energie. In der Standmeditation verschiebt sich der Fokus auf die Kultivierung des Shen, also das geistige Training. Auch während dem Ausführen von Übungen sind wir geistig fokussiert und die Energie fließt. Während dem Chi Flow halten wir den Geist auch frei und Blockaden werden durch spontane Körperbewegungen gelöst. Es ist also nur eine Frage der Betonung. Bei der sitzenden Meditation wiederum geht es primär um geistig/seelisches/spirituelles Training.

Unsere Standmeditation ist weit sicherer als sitzende Meditation und dennoch sehr kraftvoll. Immer wieder verschmelzen fortgeschrittene Schüler von uns mit dem Kosmos und erleben Erweckungsmomente. Diese, „Satori“ genannten, Erfahrungen sind eigentlich das Ziel der sitzenden Meditation. Mönche haben immer wieder ihrem Meister die Füße geküsst, wenn sie so ein Erlebnis nach jahrzehntelanger Praxis hervorgebracht haben. Dies ist ein weiteres Zeichen dafür, wie kraftvoll unser Training ist. Sitzende Meditation ist für die Verwirklichung unserer Ziele also nicht notwendig, da wir auch ohne sie schon mehr erreichen können als wir eigentlich brauchen.


Frage 2

Ich habe auch noch Fragen zur grundlegenden Chi Kung Praxis. Während dem Chi Flow und der Standmeditation halten wir unseren Geist frei von Gedanken. Am Anfang entspannen wir uns, lächeln aus dem Herzen und halten dann ebenfalls den Geist frei von Gedanken bevor wir einsgerichtet die Technik machen.

Heißt das auch wenn wir äußerlich vielleicht nicht mehr lächeln, innerlich passt es, weil wir vorher unser Herz geöffnet haben und dann lassen wir die Dinge einfach so sein wie sie sind während wir den Geist frei von Gedanken halten?

- Bernhard

Ja, deine Beschreibung passt ganz gut. Nur eines sollte man noch anpassen:

In der Entspannungsphase zu Beginn unserer Qi Gong-Einheit treten wir in den Qi Gong-Geisteszustand ein. Diesen behalten wir dann die ganze Zeit über bei. Der Anfang ist also kein abgegrenzter Teil, sondern leitet nur den Zustand ein, den wir die ganze Übungseinheit aufrecht halten.

Ein äußeres Lächeln kann beim Einstieg helfen, ist aber während des Übens weder notwendig noch üblich. Dennoch wäre es natürlich okay es beizubehalten. Qi Gong ist nicht so ernst und stoisch, wie es zumeist dargestellt und praktiziert wird. Aber das wissen Schüler von Shaolin Wahnam ja.


Qi Gong-Training

Auch wenn äußerlich nicht immer ein Grinsen zu sehen ist, sind unsere Herzen weit und wir genießen die Praxis.


Frage 3

Wir tragen beim Praktizieren ja immer Schuhe. Wie ist das, wenn man zuhause, zum Beispiel auf einem Teppich übt?

- Felix

Da unser Yongchuan-Energiepunkt („sprudelnde Quelle“) am Fußballen nicht nur gut dazu geeignet ist Energie in den Boden auszuleiten, sondern auch ungewollte Energie aus dem Boden hochziehen kann, schützen wir unsere Füße mit Schuhen. In der Qi Gong-Praxis öffnen sich alle Pforten, weshalb wir zur Sicherheit lieber eine Schicht zwischen uns und den Untergrund bringen, um uns vor der Erdenergie abzuschotten. Dies ist besonders beim Üben im Freien wichtig.

„Feuchtigkeit“ und „Kälte“ werden in der TCM (Traditionellen Chinesischen Medizin) zur Beschreibung von Krankheitsbilder bzw. -faktoren verwendet. Auch wenn man im Westen nichts mit Begriffen wie „aufsteigender Hitze aus der Leber“ nichts anfangen kann, weiß jeder TCM-Praktizierende genau was das bedeutet und was dagegen zu tun ist. Barfuß in einer feuchten Wiese zu üben, kann dementsprechend kontra-produktiv sein.

Wenn du aber drinnen auf einem Teppich oder warmen Boden übst, kannst du auch barfuß oder mit Socken praktizieren, wenn du es bevorzugst, besonders, wenn du auf einer höheren Etage wohnst. Ich übe häufig barfuß oder mit Socken in meinem Trainingsraum mit Fußbodenheizung im ersten Stock.

Der Keller ist übrigens weder zum Leben noch zum Praktizieren geeignet.


Frage 4

Die Wolkenhände wirken phänomenal gut bei mir.

Mit dieser Übung verteilt man das Qi im Körper oder wird es dadurch mehr?

Diese Übung hat jedenfalls die optimale Wirkung auf mich.

- Mathias

Schön, dass du deine Freude mit den Wolkenhänden hast.

Die Antwort auf deine Frage ist nicht entweder-oder, sondern JA!

Generell wird die innere Kraft durch jede unserer vielen Force-Trainings-Methoden angereichert, also egal, ob wir zum Beispiel im Zhan Zhuang still stehen, Wolkenhände, Grasping Sparrow’s Tail oder Wasser heben praktizieren. Unterschiedlich ist jedoch die Art bzw. die Natur der generierten Kraft.

Die Wolkenhände sind ein Musterbeispiel für fließende Kraft. Der allgemeine Energiefluss wird also stärker. Demnach verteilt sich das Chi sehr gut im ganzen Körper. Gleichzeitig nimmt das Volumen durch die Praxis stetig zu.

Mehr zum Thema findest du hier: Alles über innere Kraft - Teil 7 - Fließen und Verdichten, zwei gegensätzliche Pole


18 Lohan Künste

Fortgeschrittene Übungen wie die 18 Lohan Künste sollten nicht gleich jeden Tag geübt werden.


Frage 5

Du hast ja bei den fortgeschrittenen Qi Gong-Übungen öfters dazugesagt, dass wir sie nur etwa alle drei Tage üben sollen. Dürfen wir aber jeden Tag eine andere fortgeschrittene Übung machen?

- Valerie

Du bist wohl auf der Suche nach einem Schlupfloch zu meiner Anweisung!

Der Grund für diese hat nichts mit der Technik zu tun. Vielmehr vermeiden wir mehrere Tage hintereinander besonders intensive Übungseinheiten zu haben.

So geben wir unserem Körper Gelegenheit sich an das hinzugewonnene Energieniveau zu gewöhnen und unsere Kapazität graduell auszuweiten.

Nach und nach können wir die Häufigkeit kraftvoller Übungseinheiten in kleinen Schritten steigern. Das heißt statt jeden dritten Tag auf jeden zweiten Tag verkürzen. Schlussendlich sind wir eventuell so weit jeden Tag fortgeschrittene Übungen zu praktizieren.

Dabei ist zu beachten, dass Fortgeschrittene zwar mehr Energie „verkraften“, durch ihr gesteigertes Geschick aber auch mit weniger Aufwand viel mehr innere Kraft generieren können.

Bis wir daran gewöhnt sind, üben wir also an einem Tag in einer Session eine Übung aus dem Fortgeschrittenenkurs, wie aus den 18 Lohan Künsten oder „Abdominal Breathing“. An den nächsten beiden Tagen üben wir weniger kraftvolle Techniken wie beispielsweise aus den 18 Lohan Händen oder dem Spiel der fünf Tiere.

 

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