Fragen und Antworten
Ausgabe 2017-2



Dragon Strength Kung Fu

Shaolin Kung Fu ist reich an Übungen zur Stärkung der
inneren Kraft. Daher bezeichnen wir es ebenfalls als Qi Gong.


Frage 1

Wie beeinflussen Kungfu-Fähigkeiten die Qigong-Praxis und den Nutzen?

Bauen die, die eine Kampfkunst praktizieren, im Qigong mehr Force (Anmerkung: innere Kraft) auf?

- Bernhard

Der Begriff „Qi Gong“, ursprünglich „Nei Gong“, wird heutzutage allgemein für die Ausübung sanfter und einfacher Techniken, wie die 18 Lohan Hände, verwendet. Dieser Konvention folgend, trennen auch wir unser Kursprogramm dementsprechend ab. Mein Sifu, Großmeister Wong Kiew Kit, war übrigens einer der ersten Meister, die – sehr zum Unmut einiger anderer, traditionellen Meister – Qi Gong-Übungen als eigenständige Kurse in der Öffentlichkeit, unterrichtet haben, also speziell für jene, die kein Interesse an Kung Fu hatten oder dies aufgrund ihrer Gesundheitsprobleme gar nicht ausüben konnten.

Jedoch müssen wir uns darin erinnern, dass Qi Gong eigentlich ein Überbegriff ist. Jede Kunst nach deren Ausübung man mehr Energie als davor zur Verfügung hat, ist eine Energiekunst. So werten wir auch unsere Kampfkünste also Qi Gong. Schließlich fühlen wir uns nach der Praxis gestärkt und erfrischt und nicht – so wie es in Kampfsportarten üblich ist – erschöpft und „ausgepowert“.

Eine Kategorie des Qi Gong ist das „Qi Gong für Kampfkünste“. Bei uns zählt die Ausübung von Shaolin Kung Fu und Tai Chi Chuan selbst zu dieser Kategorie, da wir stets dreifache Kultivierung, also von Körper, Energie und Geist, praktizieren. Wir müssen nicht separat Energietraining und Meditation üben, sondern haben alles in den Kampfkünsten selbst integriert.

In Shaolin Wahnam verwenden wir gerne den Leitsatz, dass Tai Chi Chuan doppelt so stark ist wie Qi Gong und Shaolin Kung Fu wiederum doppelt so stark ist wie Tai Chi Chuan.

Unser Kampfkünstler sind also sehr kraftvolle Qi Gong-Übende. Leicht Fortgeschrittene können den Energiefluss nach Belieben einsetzen und sind an ein höheres Energieniveau gewöhnt. Dadurch können sie beim „Berge schieben“ oder „Wasser teilen“ weit mehr innere Kraft konsolidieren/verdichten als reine Qi Gong-Übende.

Nun könnte man fragen, wozu ein Kampfkünstler überhaupt einen Qi Gong-Kurs besuchen wollen würde, wenn er doch ohnehin ständig Energiearbeit im Kung Fu oder Tai Chi Chuan betreibt. Für ihn ist es eigentlich auch nicht notwendig. Sein Training vermittelt ihm neben Fähigkeiten für Kampf und Selbstverteidigung alle Qi Gong-Nutzen für ein gesundes und erfolgreiches Leben.

Dennoch lohnt es sich, sich auch im Qi Gong fortzubilden.

Die Teilnahme an Qi Gong-Kurse ermöglicht mehr Abwechslung beim Üben, speziell für eine kurze morgendliche Session. Man kommt in den Genuss des zusätzlichen Effekts von „Weite und Tiefe“. Man erlernt spezifische Übungen für diverse Leiden, um sich so zum Beispiel von Verletzungen – die interessanterweise zumeist außerhalb des Kampfkunsttrainings entstehen – deutlich schneller zu erholen. Einige der höheren Qi Gong-Künste bieten außerdem die Möglichkeit sich besonders tief zu reinigen und sogar karmische Effekte auszulöschen. Ein besonderer Zusatznutzen ist ein breiteres Verständnis um die Traditionelle Chinesische Medizin und die Philosophie rund um Energiearbeit, die im Kampfkunsttraining zugunsten von deren eigener Philosophie weniger Beachtung und Anteil an Unterrichtszeit bekommt.

Umgekehrt ist deutlich zu bemerken, dass Schüler, die zuvor einige Zeit Qi Gong praktiziert haben, beim Einstieg in eine Kampfkunst wesentlich rascher innere Kraft entwickeln können als komplette Shaolin-Neulinge. Auch sie können also ihre bereits erlernten Fähigkeiten gut einbringen.

Ein Vorteil, den Kampfkünstler gegenüber reinen Qi Gong-Schülern haben, ist dass ihr Training mehr Augenmerk auf die praktische Anwendung von innerer Kraft und Geistespräsenz legt. Kampfkunsttraining ist Zen in Aktion. Das lässt sich natürlich auch gut auf den Alltag übertragen.


Frage 2

Bei One Finger Shooting Zen verwenden wir ja verschiedene Geräusche bei den einzelnen Techniken. Hängen diese Geräusche mit den inneren Organen zusammen?

- Verena

Die jeweiligen Laute sollen bestimmte Organe in Vibration versetzen und helfen das Chi in bestimmten Regionen zu fokussieren. So hilft uns „Hait!“ die Energie aus dem Dantian in einem Schlag zu entfesseln. „Jaaaaah“ hilft die Energie in die Fingerspitzen zu leiten, um mit den Tigerkrallen stärker zupacken zu können.

Hier ein Auflistung der Zusammenhänge:
Schhhh … Nieren
Schhht! … Nieren
Hait! … Dantian
Jaaaaah … Lunge
Hohhhh … Leber
Hahhhh … Herz und Perikard, dient der Entspannung

Das Iron Wire Set, dessen Hauptzweck es ist viel innere Kraft und mentale Klarheit zu entwickeln, ist besonders reich an Geräuschen. So kommen hier noch „Ait!“, „Tschaah“, „Mmmhh“ und „Jörrr“ dazu.

Während viele behaupten, dass falsch koordinierte Laute schadhaft sind, unterscheiden wir zwischen falschen Lauten und Lauten, die nicht an der dafür vorgesehenen Stelle eingesetzt werden. Sind die Stimmbänder nicht entspannt, der Brustkorb angespannt oder der Mund am Ende von „Hait!“ verschlossen, kommt es zu Fehllauten. Diese falschen Laute können, auch wenn sie an der richtigen Stelle eingesetzt werden, negative Nebenwirkungen haben. Es ist jedoch kein Problem ein richtiges „Schhht!“ statt einem „Hait!“ einzusetzen, wenngleich es nicht den vollen Nutzen bringen wird.


One Finger Shooting Zen

One Finger Shooting Zen macht Gebrauch von diversen Geräuschen, um den Energiefluss in bestimmte Regionen zu fördern.


Frage 3

Ich habe seit einigen Monaten begonnen, mich intensiv mit der Zen Meditation zu beschäftigen.

Mit der Zen Meditation schlägt man ja sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen dient sie als Hilfsmittel zur spirituellen Entwicklung, gleichzeitig verbessert sie im Alltag Fähigkeiten wie Konzentration, Gedächtnis, Kreativität. Wunderbar. Im Alltag versuche ich dadurch unter anderem meine Spielstärke als Schachspieler zu verbessern.

Meine Frage: Wenn es im Zen letztendlich um das Fallenlassen des Egos geht, um seine wahre Natur erkennen zu können, darum alles dualistische Denken hinsichtlich Ich, Mein, Mir immer mehr loszulassen, ist dann im Alltag ein Leistungswettkampf (Sport) überhaupt noch sinnvoll möglich?

Wie soll „Ich“ einen Wettkampf gewinnen wollen, wenn (ich) das „(Ego-) Ich“ doch loslassen soll?“

Einfach nur spielen" wollen, wird im Leistungssport wohl nicht genügen. Man wird sich wohl irgendwann für nur einen Weg entscheiden müssen.

- Florian

Generell sollte man bei der Zen-Praxis danach unterscheiden welche Ziele man hat.

Wenn du dein Ego vollständig aufgeben möchtest, um in diesem Leben die Erleuchtung zu erlangen, ist es am effizientesten dich in ein Kloster zu begeben und alles Weltliche hinter dir zu lassen, sofern du bereit dazu bist.

Wenn es dir darum geht bei Arbeit, Sport und Hobbies bessere Ergebnisse zu erzielen, also deinen gewöhnlichen Alltag zu verbessern, kann dir die Mediation dafür ein gutes Werkzeug sein.

Im Alltag hat das Ego durchaus seine Berechtigung. Wie solltest du dich als Individuum denn sonst identifizieren können? Abträglich wären überhöhter Stolz und Arroganz, aber warum sollte man sich seiner Erfolge nicht erfreuen?

Wichtig ist, dass du die Zen-Meditation, die höchste Form der Meditation, nicht auf eigene Faust, sondern von einem Meister erlernst. Er kann dich auf deinem Weg begleiten und Abweichungen identifizieren.

Alle von dir aufgezählten Nutzen können übrigens viel einfacher, effizienter und sicherer mit Qi Gong verwirklicht werden. Voraussetzung hierfür ist neben kontinuierlicher Praxis jedoch diese hohe Kunst aus erster Hand von einem Meister zu erlernen.


Frage 4

Wie passen die 3 goldenen Regeln, vor allem nicht intellektualisieren mit wissenschaftlichem Arbeiten zusammen? z.B. bei mathematischen Beweisen muss man alles sehr genau nehmen und es gehören oft Sachen zusammen oder haben die gleiche Aussage von denen man es auf dem ersten und auch zweiten Blick gar nicht glauben und erkennen kann.

- Bernhard

Die 3 goldenen Regeln gelten vor allem für unsere Praxis, das heißt, wenn wir üben.

Unsere aus der Praxis erlangte geistige Klarheit hilft uns dabei unseren Intellekt besser einsetzen zu können, was auch vollkommen in Ordnung und erwünscht ist. Im Alltag sollten wir nur nicht unnötig intellektualisieren, z.B. ob wir dies oder das nun tun sollen, sondern einfach machen (natürlich nach kurzer Abwägung).


Enjoy Qi Gong

Don't worry! Don't intellectualize! Enjoy your practice!


Frage 5

Es geht also mehr um Effektivität und Nutzen?

- Bernhard

Ja, kann man so sagen.

Wenn du isst, denkst du nicht darüber nach welche Magensäfte du produzieren musst, um das Essen verdauen zu können und was du zu dir nehmen musst um diese zu erzeugen. Das wäre unnötiges Intellektualisieren.

Wenn du eine mathematische Gleichung lösen musst, dann setzt du deinen klaren Verstand natürlich ein.


Frage 6

Zu Hause übe ich nicht jeden Tag, weil es in meinem Fall zu Hause noch um einiges mehr einfährt. Ich muss während dem Chi Flow immer wieder ein paar Gedanken an den Unterbauch senden (ich hoff, das passt eh so) und vorher was essen, da mir sonst schlecht wird - weil ich mich meistens so arg drehe und mir dann die Orientierung im Raum schwerfällt. Mit den Gedanken an den Unterbauch kann ich den heftigen Chi Flow dann aber ganz gut abfedern.

- Tamara

Es ist immer wieder interessant wie unterschiedlich Praktizierende den Chi Flow erleben. Bei vielen (besonders Anfängern) ist er im im Kurs stärker, da sie da angeleitet werden und so viel Energie im Raum ist. Alleine klappt es dann oft nicht so gut.

Aber andere können zuhause besser loslassen und der Chi Flow wird stärker.

Die starken Chi Flows sind besonders geeignet um Blockaden zu lösen. Lass ruhig alles zu. Egal ob Bewegung, Geräusche oder Emotionen.

Achte darauf, dass der Mund geöffnet ist. Wenn sich viel löst, muss das raus. Bisher ist mir aber ohnehin nicht aufgefallen, dass du ihn geschlossen hättest. Ich betone es nur nochmals, weil einem auch übel werden kann, wenn sich Giftstoffe lösen und dann nicht raus können.

Wenn es dir zu heftig wird, kannst du – so wie du es richtigerweise machst – ans Dantian denken oder dir einfach „sanfter“ denken und somit in einen sanfteren Flow übergehen.

Zur Orientierung kannst du natürlich auch mal die Augen öffnen, wenn es dir hilft. Wenn ich im Chi Flow mal beginne im Raum rumzulaufen oder zu springen, habe ich die Augen die meiste Zeit offen.

Anmerkung:
Kurz darauf antwortete Tamara:

Danke!! Der Tipp ist echt Gold wert. Ich habe das gerade ausprobiert und es hilft total, wenn ich die Augen zeitweise halboffen habe. Mir war gar nicht übel - trotz drehen, schaukeln und - haha: mich haut‘s immer ein paar Meter rückwärts...  

 

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