Fragen und Antworten
Ausgabe 2016-6



Wahnam Taijiquan

Wahnam Taijiquan beinhaltete alle Aspekte eines vollwertigen Kampfkunsttrainings: Form, Kraft, Anwendung und Philosophie.


Frage 1

Ich habe mit einem Freund über Tai Chi Chuan-Stile gesprochen.

Die beiden großen Stile dürften ja Yang- und Chen-Stil sein.

Welchen Stil betreiben wir eigentlich genau?

- Verena

Darauf gibt es zwei Antworten:

  • Wahnam Tai Chi Chuan
  • alle


Als Sifu sein Tai Chi Chuan anhand klassischer Überlieferungen rekonstruiert hatte, entschied er, um weiteren Diskussionen über seine Tai Chi Chuan-Linie auszuschließen, seinen Stil „Wahnam Tai Chi Chuan“ zu nennen.

Dieser bedient sich jedoch aller wichtigen Tai Chi Chuan-Stile. Im Lehrplan ist vor allem der heute weitverbreitetste Yang-Stil integriert.

In Level 7 lernen wir das „Flowing Water Floating Clouds Set“, welches auf einem Set aus dem explosiveren und kampforientierteren Chen-Stil basiert.

In Level 8 lernen wir das „Wudang Schwert“, das – wie der Name schon sagt – dem Wudang Tai Chi Chuan (bzw. ursprünglich „Wudang Shaolin Kung Fu“) entlehnt ist.

Einen kleinen Überblick über die geschichtliche Entwicklung von Tai Chi Chuan findest du hier. Wer es ganz genau wissen möchte, kann bei mir das „Complete Book of Tai Chuan“ bestellen.

Als „Selective Sets“, also Sets, die man außerhalb des Lehrplans dazulernen kann, haben wir mittlerweile Sets aus allen wichtigen Stilen zur Verfügung.

Um dir ein Bild der verschiedenen Stile machen zu können, findest du hier eine Videozusammenstellung der Wahnam Tai Chi Chuan Selective Sets.

Bei den meisten Videos steht der Stil ohnehin im Titel. Hier aber noch ein Überblick mit Kommentaren:

  • „Wudang Tai Chi Chuan“ erachtet Sifu nicht nur als die Quelle des heutigen Tai Chi Chuan, sondern gleichzeitig auch als den Gipfel des Shaolin Kung Fu.
  • „Taijiquan Cloud Hands“ ist das Wahnam Set, das Sifu bei regionalen Kursen verwendet.
  • „Cloud Hands Grasp Sparrow“ ist die Wahnam-Version des „24-Pattern Set“ bzw. der weltweit wohl am meisten praktizierten „Peking Form“, die hauptsächlich aus dem Yang-Stil besteht.
  • Sun Style Tai Chuan unterrichtet Sifu in Kanada heuer zum ersten Mal. Dieser Stil gilt auch als Fusion aus den drei populärsten inneren Kampfkünsten Tai Chi Chuan, Baguazhang und Xingyiquan.
  • Da es zwei verschiedene Wu-Stile gibt, steht jeweils der ganze Name der Gründer dabei.

Was auffällt ist, dass Tai Chi Chuan-Stile gewöhnlich aus nur einem Set bestehen. Anfänger lernen zum Teil abgekürzte Versionen.

Hier findest du zum Vergleich alle Wahnam Tai Chi Chuan-Sets aus unserem Lehrplan: Wahnam Tai Chi Chuan Syllabus

In dem Zusammenhang habe ich auch noch Sifus erste Version der Tai Chi Chuan-Kampfsequenzen herausgesucht. Die ursprüngliche Version ähnelt, insbesondere in der Ausführung, noch sehr dem Shaolin Kung Fu.

Heute, 30 Jahre später, ist nicht nur Sifus Tai Chi Chuan viel weicher und flüssiger geworden, sondern die darin trainierten Prinzipien haben auch Einfluss auf unser Shaolin Kung Fu genommen, in dem wir ebenfalls den Flow immer mehr betonen.


Frage 2

Wenn wir uns abwenden von der Kraft, die bestimmte Gefühle wie das Verlangen, die Erwartung, den Genuss, das Streben, das Fehlen, den Drang, hervorbringen kann, um eine Ruhe zu finden wo diese Zustände sind nicht mehr als nötig oder wohltuend gelten, ist das nicht eine Flucht, eine Selbstaufgabe?

- Louise

Anmerkung: Die Antworten auf Louises weitere Fragen sind in der vorigen Ausgabe zu finden.


"Selbstaufgabe" ist ein sehr treffendes Wort. Das "Selbst" zu überwinden und aufzugeben ist das Ziel von jenen, die die Erleuchtung suchen. Buddha lehrte, dass jeder Mensch Buddha-Nnatur hat, also eigentlich ein Buddha ist. Das bedeutet, dass jeder erleuchtet werden kann. Erleuchtet, also ein Buddha zu sein, bedeutet zu erkennen, dass es das "Selbst" eigentlich gar nicht gibt. Alles und jeder im Universum ist miteinander verbunden. Durch unseren Geist nehmen wir die Realität aber als abgetrennte Einheiten (also Menschen, Dinge, usw.) wahr. Wenn dieser Schleier bzw. diese Vernebelung verschwindet, können wir dahinter erkennen, dass wir nichts brauchen, weil wir bereits alles haben. Schließlich ist alles eins. Also ja, wenn man erleuchtet ist, gibt man alles - auch sich selbst - auf, bekommt dafür aber alles. Unsere Realität wird als "Dualität" bezeichnet. Es gibt dich und mich, den Himmel und die Erde, Gut und Böse, usw.. In der kosmischen Wirklichkeit ist aber alles eins, es gibt kein du und ich, kein schwarz und weiß, kein männlich und kein weiblich. Es IST einfach.


Universum

In der kosmischen Wirklichkeit gibt es keine Abgrenzungen. Alles ist eins.


Frage 3

Ist der innere, stille Zustand das Nichts oder der Verbindungspunkt zu allem?

- Louise

JA!

Diese schlichte Antwort ist typisch für Zen, ich werde sie aber noch erläutern. Wenn man absolute Klarheit erlangt, also die Leere erfährt, kann man erkennen, dass man mit allem verbunden ist. Dies kann in Form eines Satori (einem Erweckungserlebnis) geschehen, was durchaus häufig bei den fortgeschrittenen Praktizierenden in unserer Schule vorkommt, oder später als vollständige Erleuchtung.


Frage 4

Sind wir nicht die Summe von allem was wir sammeln?

Und wenn ja, jeden Tag wieder frisch und neu zur Welt zu kommen, macht uns das nicht unfähig als Person zu existieren?

- Louise


Ja, wir sind die Summe von allem was wir erlebt haben. Da wir in der Dualität leben, haben wir natürlich auch ein Ego. Es macht uns zur Person, prägt unseren Charakter und ermöglicht es uns verschiedene Emotionen auszuleben. Wir können insofern jeden Tag neu beginnen, dass wir dankbar sind und alles Geschehene verzeihen.

Zusammengefasst kann man sagen, dass zu einem Leben in unserer Realität einfach auch Gefühle und Persönlichkeit (ein Selbst) notwendig und absolut normal sind. Wenn man sein Selbst einfach so wegwirft und nicht beachtet, werden Körper und/oder Geist zugrunde gehen. Möchte man das höchste aller Ziele, die Erleuchtung, erlangen, lässt man systematisch immer mehr los bis schließlich auch das Selbst aufgegeben wird und man erkennt, dass man ohnehin immer ein Teil des Ganzen war.


Frage 5

Kann man seine Energiezentren verbinden (Dantian mit Ba Hui usw.) so wie die Du- und Ren-Meridiane?

Wenn ja, was ist das Resultat daraus?

- Dimitri


Die natürlichen Verbindungen anhand der Meridiane kann man weiter stärken, man sollte aber keine unnatürlichen Verbindungen aufbauen. Die Resultate wären schwer abzuschätzen und das Risiko nicht wert.

Durch das Durchbrechen des kleinen Universums (häufig auch mikrokosmischer Orbit genannt), verbinden sich der Ren- und der Du-Meridian und bilden einen geschlossenen Kreislauf, durch den die Energie in der Mitte der Vorderseite des Oberkörpers hinab und entlang der Wirbelsäule hinauf fließt. Entlang des kleinen Universums befinden sich mehrere wichtige Energiezentren bzw. Dantian, wie Tan Zhong, Qi Hai (das „untere“ oder abdominale Dantian), Hui Yin, Ming Men (das Tor des Lebens), Ling Tai (die spirituelle Plattform) und Bai Hui (Treffpunkt von 1000 Meridianen).

Das kleine Universum ist eine natürlich Verbindung, auch wenn sie erst durch regelmäßige, jahrelange Praxis erarbeitet werden muss. Warum? Weil es sich auch ohne besondere Absicht spontan und eigenständig bilden kann, wenn genügend Energie aus dem unteren Dantian überfließt und die Brücke zwischen den beiden wundersamen Meridianen schlägt.


Qi Gong Kurs

Kursteilnehmer genießen die spirituellen Freuden des Qi Gong-Trainings.


Frage 6

Können höhere Fähigkeiten aus dem Qigong wie zum Beispiel Cosmic Shower immer auch als Force-Training herangezogen werden? Oder gibt es auch höhere Fähigkeiten/Methoden die wenig bilden und viel reinigen?

- Bernhard


Ja, wenn der fortgeschrittene Praktizierende das will, kann er höhere Qi Gong-Fähigkeiten und -Übungen zum Training der inneren Kraft verwenden.

Die kosmische Dusche liegt von Natur aus in der Mitte, da wir uns in einer Phase reinigen und in der nächsten stärken lassen. Der Effekt wirkt sich aber eher auf die allgemeine Vitalität aus, als zielgerichtete Trainingsmethoden in den Kampfkünsten.

Die Knochenmarksreinigung auf der Meridian-, Organ- und Knochenmarksebene (Nervensystem) dient eigentlich mehr der tiefen, sogar karmischen, Reinigung. Dennoch führt der Reinigungsprozess, und damit das Vorhaben kein Staubkorn übrig zu lassen, dazu, dass die vorhandene Energie ungehinderter genutzt werden kann. Das verschafft in Folge einen ähnlichen Effekt wie zusätzliche Energie aufzunehmen.

Die Sehnenmetamorphosen sind ein kraftvolles Mittel, das auf allen drei Ebenen, also Gesundheit, Leistungskraft und spiritueller Entfaltung, eingesetzt werden kann. Indem sie viel innere Kraft, Aufrichtigkeit und Mut erzeugen, waren sie den Shaolin-Mönchen ein ideales Rüstzeug zur Vorbereitung auf dem schwierigen und anstrengenden Weg zur Erleuchtung. Viele Force-Trainings-Methoden aus dem Shaolin Kung Fu, wie One Finger Shooting Zen und Triple Stretch, basieren auf dem Prinzip der Sehnenmetamorphosen. Daher erachte ich diese Methode unter den höheren Qi Gong-Künsten als am meisten dafür geeignet um damit direktes Force-Training für die Kampfkunst zu betreiben.

Ist das Small Universe aktiviert, wird die vorhandene Energie stets gut in Fluss gehalten und ist daher ebenfalls besser verfügbar, während ständig noch mehr Energie von außen hinzukommt. Jegliches andere Training wird nach dem Durchbrechen des kleinen universellen Kreislaufs (auch mikrokosmischer Orbit) verstärkt. Während diese Fähigkeit reinen Qi Gong-Übenden mehr Vitalität verschafft, können Kampfkünstler ihr Force-Training deutlich verstärken und die Energie für mehr Ausdauer und Schlagkraft nutzen. Viele fortgeschrittene Künste aus dem Shaolin Kung Fu, wie die „72 Shaolin-Künste“, setzen ein aktiviertes Small Universe sogar voraus.

Beim Transcendental Big Universe findet die Reinigung insbesondere auf spiritueller Ebene statt. Wenn wir uns mit dem Universum verbinden, kommen wir mit etwas mehr Energie zurück als wir anfangs hatten. Als typisches Force-Training würde ich es dennoch nicht bezeichnen.

Die höheren Qi Gong-Künste haben große Auswirkungen auf Volumen und Fluss der Energie. Die Art und Weise von Methode und Effekt unterscheiden sich jedoch von direktem „Force-Training“ im Shaolin Kung Fu oder Tai Chi Chuan. Auch sprechen wir bei diesen Künsten eher von „nähren“ anstatt von „bilden / aufbauen“, da es hier mehr um Qualität statt Quantität geht.

 

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