Fragen und Antworten
Ausgabe 2016-3



Grossmeister Ho Fatt Nam

Großmeister Ho Fatt Nam (Mitte) war ein inspiriendes Vorbild. Sowohl wegen seines Könnens als auch seiner lupenreinen Moral.


Frage 1

Heute habe ich ein paar Fragen zur Moral. Ich beschäftige mich seit Kurzem immer wieder mit Sachen rund um Moral, aber ich bin mir immer noch unklar ob ich die Bedeutung richtig verstehe. So wie ich es verstanden habe, geht es bei Moral um gute Werte innerhalb einer Gesellschaft oder Gruppe oder man selbst, die nützlich sind.

Was ist aus deiner Sicht Moral?

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen unseren Künsten und Moral?

- Bernhard

Ja, deine Definition trifft es sehr gut.

Moralisch zu leben bedeutet Schlechtes zu vermeiden und Gutes zu tun.

Was ist gut und was ist schlecht? Was Anderen oder einem selbst Schaden oder Leid zufügt, ist schlecht. Was heilsam ist oder glücklich macht, ist gut.

Da es für Kampfkünstler und Meditierende sehr wichtig ist auf moralisches Handeln Acht zu geben, dienen uns die 10 Shaolin-Gesetze als moralischer Kompass. Diese zu kennen und zu praktizieren ist Grundvoraussetzung, um in unserer Schule lernen zu dürfen. Nur so können wir sicherstellen, dass die durch die Shaolin-Künste entwickelten Fähigkeiten nicht missbraucht werden. Wer sich bei der Ausübung hoher Künste nicht an einen moralischen Lebensweg hält, wird früher oder später fallen.

Respekt, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Großzügigkeit und Rechtschaffenheit sind Eigenschaften, die hohen Stellenwert in unserer Schule haben. Diese zu entwickeln ist uns weit wichtiger als Kämpfe oder Turniere zu gewinnen.

Die Mönche der Shaolin-Tradition haben stets gutgesinnte Regierungen beschützt und unterdrückende Herrscher gestürzt. So konnten sie ihre herausragenden Kampfkünste für das Allgemeinwohl einsetzen.

Mit Sigung Ho (Großmeister Ho Fatt Nam) haben wir ein inspirierendes Vorbild, das niemals zuließ, dass sein Gewissen sich trübt. Der folgende Absatz aus Sifus Erzählung über Sigung Ho veranschaulicht dies sehr schön:

Einer der stärksten Eindrücke seiner Lehre auf meine moralische Entwicklung war als er mir sagte, dass wir immer ein reines Gewissen haben müssen.

„Was immer wir tun,“ sagte er mir einst, und meine Frau war damals dabei, „wir müssen immer ein reines Gewissen gegenüber der gesamten Menschheit haben.“

„Selbst wenn wir die gesamte Menschheit täuschen könnten,“ fuhr er fort „könnten wir nicht Himmel und Erde täuschen.“

Bei einer anderen Gelegenheit sagte er mir auf Kantonesich, „khoi tau sam chet yau shen ming“, was Wort für Wort „hebe den Kopf drei Fuß, habe himmlische Wesen“ heißt. Sinngemäß bedeutet dies „Es befinden sich zahllose himmlische Wesen überall um uns.“

Mein Sifu fuhr fort, dass „selbst wenn wir alle himmlischen Wesen täuschen könnten, wir könnten niemals unser eigenes Gewissen täuschen.“ Dies ist eine unbezahlbare Lehre für mich, die wir in unserer Schule in Ehren halten. Sie macht mich furchtlos, nicht aufgrund meiner Kampfeffizienz, sondern weil ich nichts Falsches getan habe.


Frage 2

Gibt es Übungen die speziell die Moral fördern?

- Bernhard

Es liegt in der Natur der Shaolin-Künste uns zu aufrichtigen, mitfühlenden und respektvollen Menschen zu machen. Das Training öffnet unsere Herzen und macht uns zur besten Version von uns selbst. Diese Effekte werden durch jegliche Übung hervorgebracht.

In der chinesischen Kultur gibt es einen engen Zusammenhang zwischen körperlichem Aufrechtsein und Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. Somit ist zum Beispiel „Himmel anheben“ besonders hilfreich diese Qualitäten zu fördern.

„Kai Huai“ bedeutet wörtlich einen „offenen Brustkorb“ zu haben. Sinngemäß steht es für Großzügigkeit und Großmut. „General Surveys Field“, „Wasser teilen“ und „Das Spiel des Vogels“ sind sehr gute Übungen um großzügiger zu werden.

Sifu war einst in England mit Schülern essen. Die Bedienung war nicht sehr um sie bemüht, sie mussten lange warten und die Qualität des Essens war ebenfalls schlecht. Dennoch gab Sifu – wie üblich – ein üppiges Trinkgeld. Als seine Schüler ihn fragten warum er denn diesen schlechten Service so belohne, antwortete er: „Wir sind nicht wegen anderer oder deren Leistung großzügig, sondern weil wir von uns aus einfach großzügig sind.“

Die Sehnenmetamorphosen stärken die Knochenenergie (Gu Qi). Diese steht für Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit und Mut. Neben dem Aufbau innerer Kraft und mentaler Klarheit verschafft die Praxis der Sehnenmetamorphosen somit alles, was man für die spirituelle Kultivierung, wobei eine gute Moral sehr empfehlenswert ist, benötigt.


5 Wandlungsphasen

Die Lehre der fünf elementaren Prozesse ist ein vielzitiertes, doch oft missverstandenes, System.


Frage 3

Aber gibt es denn ein 5 Elemente Qi Gong? Denn im Internet habe ich da was gefunden.

- Diknu

Ja, es gibt sicher Schulen, die den Bezug der Übungen auf die "elementaren Prozesse" (wie wir es nennen) besonders hervorheben und gar ihren ganzen Stil danach benennen.

Unsere Qi Gong-Übungen haben neben ihrer ganzheitlichen Wirkung ebenfalls auch spezifische Nutzen. Wir sagen halt eher, dass eine Übung besonders gut für Nieren und Blase ist, was für die meisten westlichen Schüler einfacher verständlich ist. Genauso könnte man natürlich auch sagen, dass die Übung das Wasserelement stärkt.

Unser Shaolin Qi Gong ist wohl einer der umfassendsten Stile überhaupt. Es sind stets alle drei Aspekte, also Körper, Energie und Geist involviert und dank unserem "magischen" Chi Flow brauchen wir uns nicht darum zu kümmern, welche Energie als welches Element wo hinfließt. Das Chi arbeitet einfach immer zu unserem Besten, selbst, wenn wir keine genaue Diagnose haben.


Frage 4

Ja das hast du gut erklärt. Also verstehe ich das so, dass das Wahnam Qi Gong darauf abzielt die reine Energie des Universums anzuzapfen und die Umwandlung und Einteilung der Energien sich selbst zu überlassen. Man arbeitet meines Erachtens somit mit dem Element Raum. Was sagst du dazu?

- Diknu


Genau, der vollständige Name unseres Stils ist "Shaolin Cosmos Qi Gong", weil wir stets mit kosmischer Energie arbeiten.

Im Chi Flow praktizieren wir "Wu Wei", was ungefähr so viel bedeutete wie "Tue nichts und alles wird für dich getan.". Energie fließt so wie Wasser immer von hohen Punkten zu niedrigen Punkten. Somit sucht sich das Chi auch im Körper seinen Weg und kümmert sich um das dringlichste bzw. lebensgefährdenste Problem. Wird "Wei Qi" (Abwehr-Energie) benötigt, wird die universelle Energie spontan darin umgewandelt. Wird mehr "Nierenenergie" benötigt, wird sie zu jener, usw..

Das Chi ist, sofern wir es frei fließen lassen, viel treffsicherer als wir selbst, speziell, wenn wir keine jahrelange Ausbildung in der TCM-Diagnostik haben.

Hier ein Beispiel zur Veranschaulichung:
Jemand beginnt wegen Schmerzen im Ellbogen mit Qi Gong und schickt seine Energie dann immer in den Ellbogen. Nach etwa einem Jahr ist das Problem behoben.

Wenn die gleiche Person das Chi aber im Chi Flow frei fließen lassen würde, wäre das Problem eher nach 3-6 Monaten erledigt. Warum? Die Schmerzen im Ellbogen waren nur ein Symptom (auch branch / Ast genannt) einer unbewussten Blockade im Herz oder Herzmeridian (welcher durch den Arm läuft). Im Chi Flow arbeitet die Energie an der Wurzel des Übels (root cause). Nachdem das Herz von der Blockade befreit ist, verschwindet auch das Symptom, also der Schmerz im Ellbogen. Und nebenbei wurde eine eventuell lebensbedrohliche Situation bereinigt.

Allzu viele Praktizierende intellektualisieren zu viel herum und stellen haltslose Eigendiagnosen. Allzu wenige kennen die Ganzheitlichkeit und Effektivität des Chi Flow. Dadurch üben viele Menschen ohne merkbare Resultate und verschwenden unnötig viel Zeit dabei.

Der Begriff "Raum-Element" ist mir nicht geläufig. Verschiedene Schulen und System verwenden häufig verschiedene Begrifflichkeiten für die gleichen Dinge. Wir sprechen von kosmischer oder universeller Energie.

Nach unserem System, welches der klassischen TCM entspricht, gibt es nur die 5 elementaren Prozesse Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall. Der Begriff "elementare Prozesse" wurde von Sifu eingeführt, um eine sinngemäße Übersetzung zu schaffen. Schließlich handelt es sich bei "Wu Xing" nicht um die Elemente aus denen alles im Universum gemacht ist, sondern vielmehr um die Beschreibung von Prozessen, die vom Mikro- bis zum Makrokosmos Gültigkeit haben. Das "elementar" in unserer Bezeichnung hat Sifu nur als Hinweis auf die geläufige Übersetzung "5 Elemente" beibehalten.

Ein praktisches Beispiel dieser archetypischen Vorgänge wäre:
Treffen viele Menschen bei einem Kongress zusammen (Erdprozess), entsteht im Gespräch Resonanz (Metallprozess) wodurch Wissen weitergegeben wird (Wasserprozess), was wiederum zu Wachstum (Holzprozess) führt.


Qi Gong Übung im Freien

Das Training im Freien bietet direkten Zugang zu frischer Energie und ist zumeist sehr kraftvoll.


Frage 5

Ich schreibe dir, weil ich mich momentan sehr seltsam fühle.

Es fing mit einer leichten Erkältung an, was eigentlich schon ungewöhnlich ist (habe das auf zu viel körperliches Training zurückgeführt).

Aber die letzten Tage fühle ich mich irgendwie wie fiebrig, unglaublich intensive Wahrnehmungen von der Energie um mich herum, also generell sehr intensive Wahrnehmung der Außenwelt ... und habe mir jetzt überlegt, ob das vielleicht eine Folge qualitativen Übertrainings sein könnte?

Ich war nämlich viel in den Tiroler Wäldern unterwegs und habe dort eine Art "Kraftort" gefunden, wo ich mich lange sehr wohl gefühlt habe. Habe dort dann Qi Gong praktiziert aber eigentlich nicht viel darüber nachgedacht.

Die Erkältung ist jetzt eigentlich ganz weg aber ich fühle mich immer noch sehr fiebrig und schlapp und gleichzeitig habe ich ein sehr starkes Bedürfnis KEIN Qi Gong zu machen?!

Meinst du es ist möglich an bestimmten Orten in qualitatives Übertraining zu kommen?

Ich habe sonst eigentlich weder sitzende Meditation geübt noch sonst wie das Training übertrieben.

- Martin


Ja, das klingt nach Übertraining.

Gut, dass du diese Option in Erwägung gezogen hast. Unsere häufige Erinnerung, dass unsere Künste sehr kraftvoll sind, dient nicht dazu unser Ego zu stärken oder andere runterzumachen, sondern dazu, dass Schüler in eben so einer Situation gewahr sind und Übertraining erkennen.

An Orten, wo das Chi nicht so toll ist, braucht es zumeist länger um reinzugeraten. An Orten mit besonderer Energie kann es dementsprechend auch viel schneller gehen.

Lass mal einzelne Übungseinheiten aus und beobachte!

Wenn du übst, dann eher kurz und nicht so intensiv / tief. Eventuell nur ein wenig in den Chi Flow gehen ohne vorher aktiv Übungen durchzuführen.

Körperliches Training und Outdoor-Aktivitäten (ohne Energieaufbau) helfen den Überschuss abzubauen. Achte auch auf ausreichend Schlaf.

 

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