Die sechs Harmonien


Sechs Harmonien
Liu He (Mandarin)
Lok Hap (Kantonesisch)


Das Vorwort sowie eine Übersicht der einzelnen Artikel dieser Serie zu Kung Fu-Prinzipien sind hier zu finden.

„Applying these six harmonies, you can make every movement in Taijiquan a master-piece.“
(Unter Anwendung dieser sechs Harmonien, kann man jede Bewegung im Taijiquan zum Meisterwerk machen.)
- Großmeister Wong Kiew Kit

Die sechs Harmonien sind ein sehr hilfreiches Konzept aus der Kampfkunst, um die korrekte Ausführung von Techniken zu beschreiben. Dadurch sind sie ein sehr hilfreiches Mittel zur Eigenkontrolle beim Training zuhause und natürlich auch beim Ausbessern durch den Meister.

Dieses Prinzip stammt ursprünglich aus dem Shaolin Kung Fu und wird im Tai Chi Chuan besonders betont.

Obwohl dieses Prinzip so grundlegend ist, ist es verblüffend wie selten es, gerade von den meisten Tai Chi-Praktizierenden, umgesetzt wird.


Die drei äußeren Harmonien

Die drei äußeren Harmonien beschreiben die korrekte, mechanische Ausführung einer Technik. Sie setzen sich aus der Beinarbeit, dem Rumpf und den Händen zusammen.

Sehr häufig setzen wir folgende Anleitung ein:

Beginne mit dem hinteren Bein,
rotiere den Bauch,
ende mit der Hand.

Das Training der drei äußeren Harmonien beginnt bei uns bereits in der allerersten Trainingsstunde. Nachdem wir die ersten Stände gelernt haben und wie man sich darin bewegt, lernen wir erste Techniken und achten von Anfang an auf harmonische Ausführung des ganzen Körpers.

Ein gelegentliches Missverständnis ist die drei Harmonien als abgegrenzte, aufeinanderfolgende Phasen zu interpretieren. Dabei beschreiben sie nur den versetzten Start. Wenn die Hand in die Bewegung einsetzt, ist der Bauch noch nicht fertig gedreht und auch das Bein noch nicht vollständig gestreckt. Schließlich enden alle drei Komponenten harmonisch zum gleichen Zeitpunkt.


In den meisten Tai Chi-Videos im Internet kann man Übende dabei beobachten wie sie ihren Körper vor und zurück lehnen, anstatt zu rotieren. Nicht nur, dass sie damit ein grundlegendes Konzept ihrer Kunst missachten, im schlimmsten Fall schaden sie durch die beständig falsche Praxis sogar ihren Knien. Dabei sollte Tai Chi Chuan doch zur Gesundheit des gesamten Körpers, inklusive der Gelenke, beitragen. Daher legen wir großen Wert auf korrekte Ausführung der drei äußeren Harmonien.

Bei vielen Kampfsportlern kann man beobachten, dass die Hand die Bewegung initiieret und leitet. Der Körper wirft sich dann hinterher. Dadurch wird die Kraft des Körpers nicht optimal genutzt, während die Gewichtsverteilung oft zu vorderlastig wird. Häufig sogar so weit, dass sich die Ferse vom Boden löst.

Anders im Shaolin Kung Fu, wie hier bei „Black Tiger Steals Heart“. Die Armbewegung und -rotation setzt erst im letzten Drittel ein.


Die drei inneren Harmonien

Die drei inneren Harmonien stimmen mit den drei Schätzen des Körpers überein, also Jing, Chi und Shen.

Jing steht in diesem Zusammenhang für Eleganz und Geschmeidigkeit. Wir führen die Technik also nicht nur mechanisch korrekt sondern auch flüssig und elegant aus.

Chi steht natürlich für die Energie bzw. die innere Kraft, welche wir einsetzen. Wir sind entspannt und die Energie fließt harmonisch.

Shen steht für den Geist. In diesem Fall sind Fokus und geistige Präsenz gefordert. Wir sind also ohne Ablenkung ganz bei der Sache.

Laute bzw. Schreie können sehr hilfreich sein unser Shen vollkommen auf die Durchführung der Technik zu fokussieren und zugleich den Energiefluss in die gewünschte Körperregion zu verstärken.


Großmeister Wong 6 Harmonien

Perfekte Umsetzung der sechs Harmonien von Großmeister Wong Kiew Kit mit „Swimming Dragon“.


Alles in Harmonie

Selbst im Reiterstand verwirklichen wir die sechs Harmonien. Das bedeutet, dass der Körper aufrecht ist, die Fäuste solide an der Hüfte sind, die Füße zweieinhalb bis drei Schulterbreiten auseinander stehen, wir entspannt sind, die Energie gut fließt und der Geist klar ist.

Wenn ein Praktizierender eine einfache Kung Fu-Technik wie „Black Tiger Steals Heart“ ausführt, muss er die sechs Harmonien einhalten. Sind seine Beine nicht auf einer Linie, sind seine Beine nicht in Harmonie. Krümmt er den Rücken, ist sein Körper nicht in Harmonie. Ist seine Faust nicht mit dem Arm ausgerichtet, sind seine Hände nicht in Harmonie. Ist seine Bewegung abgehackt, ist seine Essenz nicht in Harmonie. Sind seine Muskeln angespannt, ist seine Energie nicht in Harmonie. Ist sein Geist stumpf, ist sein Geist nicht in Harmonie.
- Großmeister Wong Kiew Kit

Spielen alle sechs Harmonien zusammen, benötigen wir nicht nur den geringsten Kraftaufwand, sondern erlangen viele technische Vorteile.

Wenn du diese sechs Harmonien verkörperst, bist du gut verwurzelt, kraftvoll, entspannt und natürlich, ebenso wie fokussiert, ausgeglichen, flüssig, agil und geistig frisch.
- Großmeister Wong Kiew Kit

Außerdem werden Techniken dann optimal ausgeführt und ermöglichen so das Chi aus dem Dantian mit Fa-Jing explosionsartig zu entfesseln.

Abgesehen davon vermeiden wir durch die harmonische Bewegung unnötige Abnützungen der Gelenke und erlangen auch den maximalen gesundheitlichen Nutzen der ausgefeilten Kampfkunsttechniken.



Autor: Sifu Leonard Lackinger

 

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