Die drei Ankünfte


The Three Arrivals


Das Vorwort sowie eine Übersicht der einzelnen Artikel dieser Serie zu Kung Fu-Prinzipien sind hier zu finden.


Ebenso wichtig wie die „vier Phasen der Vorbereitung“ sind die „drei Ankünfte“.


1. Die Ankunft des Herzens

Das Herz steht in der chinesischen Philosophie, ebenso wie in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), für den Geist.

Bevor wir zur Tat schreiten, ist es wichtig ein Konzept zu haben. Wir müssen wissen was wir eigentlich tun wollen, anstatt auf den Gegner loszustürmen und im letzten Moment zurückzuziehen, weil wir nicht weiter wissen.

Die „Ankunft des Herzens“ setzt bei der dritten „Phase der Vorbereitung“, also bei „Angriffsmöglichkeiten suchen oder diese kreieren“ ein.

Wir haben uns bereits eingestimmt und ein Bild vom Gegner verschafft. Nun legen wir uns Technik, Taktik und Strategie zurecht.

Das beinhaltet zum Beispiel welche Pattern oder welche Sequenz wir für die Attacke verwenden wollen. Wir entscheiden wie wir diese am besten einleiten können bzw. wie wir die ideale Situation für die Anwendung anbahnen können.

Hier macht sich das Training der Kampfsequenzen bezahlt. Wir müssen nicht bei jedem Angriff erneut eine Auswahl aus all unseren Techniken treffen. Nicht überlegen welche Taktik zu welcher Technik passt. Wir haben bereits ein gut funktionierendes System internalisiert.

So stellen wir uns beim Shaolin Kung Fu zum Beispiel in die Pose „Lohan Asks the Way“, „öffnen das Tor“ des Gegners und greifen mit „Black Tiger Steals Heart“ an. Im Tai Chi Chuan stehen wir in „Playing the Lute“, „zähmen das Tor“ des Gegners und stechen mit „White Snake Shoots Venom“ zu. Dies alles läuft nach einer kurzen Entscheidung vollautomatisch ab.

Wichtig ist natürlich, auch wenn wir einen hervorragenden Plan haben, stets flexibel auf Abweichungen und Veränderungen zu reagieren, damit wir nicht in festgefahrenen Strukturen hängenbleiben oder dem Gegner in die Falle tappen.


Ankunft des Herzens

Die Ankunf des Herzens
Der Plan ist gemschiedet und der Geist darauf fokussiert.


2. Die Ankunft der Füße

Hierfür ist neben richtigem Timing vor allem richtiges „Spacing“, also eine gute Positionierung, gefragt.


Du musst nah genug sein, um den Gegner treffen zu können, aber weit genug weg, um sicher zu sein. - Großmeister Wong Kiew Kit


Diese fundamentalen Fähigkeiten trainieren wir ebenfalls andauernd, schon mit unseren ersten Kampfanwendungen und Kampfsequenzen.

Das „Bewegen in Ständen“ lehrt uns vielfältige Möglichkeiten und Schrittfolgen uns in die ideale Position zu bringen.

Der „vierten Phasen der Vorbereitung“ folgend, machen wir dies nicht durch langsames Voranzuckeln, sondern in einer flüssigen und schwungvollen Abfolge, stets gewahr dem Gegner keine Nachteile durch schlechte Haltung zu schenken.

Die endgültige Position ist entscheidend für den Erfolg unseres Angriffs. Stehen die Füße zu weit weg, wird die letzte der drei Ankünfte scheitern.


Ankunft der Füße

Die Ankunft der Füße
Richtige Distanz und gutes Timing sind ausschlaggebend für den Erfolg.


3. Die Ankunft der Hände

Schließlich, nachdem wir all dieses theoretische Wissen, das über Jahrhunderte in den Shaolin-Tempeln verfeinert wurde, im Bruchteil einer Sekunde umgesetzt haben, sind wir bereit und fast am Ziel angekommen.

Wir führen unsere geplante Attacke ohne zu zögern einfach durch. Nun erfahren wir, ob wir alles richtiggemacht haben und ob unsere Hand den Gegner trifft. Ihn bloß zu berühren genügt in den meisten Fällen nicht. Der Schlag muss in den Gegner eindringen bzw. „durch ihn durch gehen“.

War der Schlag erfolgreich, setzen wir umgehend nach, indem wir zum Beispiel unsere Sequenz vollenden.


Ankunft der Hände

Die Ankunft der Hände
Ohne Verzögerung trifft die Hand, bzw. der Schlag ein.


Fazit

Kung Fu, und da zählen wir natürlich auch Tai Chi Chuan dazu, hat einen reichhaltigen Schatz an Philosophie. Das Verständnis um diese Theorie verhilft uns zu besseren Ergebnissen.

Entscheidend ist aber natürlich die Umsetzung dieses Wissens und nicht bloß intellektuelle Einsicht. Der Lehrplan von Shaolin Wahnam führt uns Schritt für Schritt, Level für Level, darin ein. Wir lernen die Philosophie ganz spontan einzusetzen. Wenn man diese Prinzipien so verinnerlicht hat, dass sie völlig natürlich geworden sind, kann man Kung Fu als Zen (Chan) in seiner reinsten Form praktizieren. Man macht intuitiv und effektiv das Richtige, ohne erst überlegen zu müssen und führt seine Aktionen ohne zu zögern aus.

Bevor du den nächsten Teil dieser Serie liest, mache dir Gedanken wie du die „vier Phasen der Vorbereitung“ und die „drei Ankünfte“ in alltäglichen Situation einsetzen kannst!



Autor: Sifu Leonard Lackinger

 

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