Vier Phasen der Vorbereitung


Four Modes of Preparation


Das Vorwort sowie eine Übersicht der einzelnen Artikel dieser Serie zu Kung Fu-Prinzipien sind hier zu finden.


Gut vorbereitet in die Schlacht ziehen

Ein Angriff sollte stets gut vorbereitet sein, darum stürzt man sich in traditionellem Kung Fu nicht blindlings in die Schlacht.


Zunächst stellen wir sicher dem Gegner keine Nachteile für uns auszuhändigen. Dann nutzen wir eventuelle Nachteile des Gegners aus. Sind keine Vorteile für uns zu finden, erschaffen wir diese selbst. - Großmeister Wong Kiew Kit


Die „vier Phasen der Vorbereitung“ beschreiben wie man einen Schlag oder aber auch ein wichtiges Gespräch oder Vorhaben sorgsam einleitet.


1. Sei bereit in Jing, Chi und Shen

Jing, Chi und Shen bilden gemeinsam die drei inneren Harmonien.

Eine von mehreren Bedeutungen von Jing ist Essenz. In diesem Kontext sind der physische Körper und Eleganz gemeint.

Wir nehmen eine geeignete Kampfstellung bzw. Pose ein und achten dabei auf gute Ausführung. Schlechte Form kann bereits jetzt ungewollte Geschenke für den Gegner präsentieren. Ist der Stand instabil, könnten wir leicht umgeworfen werden. Wir achten darauf keine einfachen Öffnungen für Angriffe zu lassen. Die Hände sollten den Gegner daher ein wenig auf Distanz halten und eine erste Barriere bilden. Wir blinzeln nicht mehr.


Kung Fu Kampfstellung

Lohan Asks the Way aus dem Shaolin Kung Fu


Die Energie (Chi) ruht im Dantian und fließt harmonisch. Der Atem ist ruhig und entspannt. Wer bereits jetzt hechelt, wird im Kampf schnell außer Atem kommen.

Wir nehmen also einen meditativen Geisteszustand ein. Der Geist (Shen) ist entspannt, friedlich und fokussiert. Im Shaolin Kung Fu nennen wir diesen Zustand einfach „Zen“. Im Tai Chi Chuan „treten wir ins Tao ein“. Gedanken und Emotionen haben jetzt keinen Platz. Wir sind bereit.


2. Den Gegner einschätzen

Ist der Gegner ebenfalls bereit in Jing, Chi und Shen?

Wirkt er zittrig und nervös, ist er in Rage oder ruhig und gelassen?

Welche Kampfstellung hat er gewählt? Oft kann die Wahl der Pose erste Rückschlüsse auf den Kampfstil des Gegenübers, sowie dessen Stärken und Schwächen, geben.


Tai Chi Chuan Kampfstellungen

Die Kontrahenten sind bereit und schätzen einander ein.


Kenne deinen Feind und kenne dich selbst, dann brauchst du das Ergebnis von 100 Schlachten nicht zu fürchten.
- Sunzi (Sun Tzu), aus der Kunst des Krieges


3. Angriffsmöglichkeiten suchen oder diese kreieren

Anhand unserer Einschätzung des Gegners und seiner Kampfstellung spüren wir mögliche Öffnungen für unsere Attacke auf.

Aber Vorsicht. Vielleicht steht der Kontrahent absichtlich schlecht, um eine Falle vorzubereiten?

Finden wir keine Öffnung, planen wir selbst eine Gelegenheit zu schaffen.


Kung Fu Angriff

Lässt uns der Gegner keine Lücke, müssen wir selbst Platz schaffen


4. Flink und sicher angreifen

Es kann losgehen!

Ohne Verzögerung und Unterbrechung nähern wir uns dem Gegner auf agile Weise. Natürlich achten wir dabei auf unser oberstes Prinzip: „Safety first!“

Das heißt wir behalten gute Form bei, werfen unser Gewicht nicht nach vorne und sind jederzeit bereit bei Überraschungen abzubremsen und uns wieder zurückzuziehen.

Wir „fragen nach dem Weg“, indem wir Kontakt mit den gegnerischen Armen aufnehmen und eine „Brücke“ bilden. Dies ist ein wichtiger Moment, bei dem wir auch die Kraft des Gegners testen können.

Wir öffnen oder zähmen das „Tor“. Indem wir die gegnerischen Arme zur Seite schieben, schaffen wir eine Öffnung oder sperren den Gegner. Erst wenn die Arme des Kontrahenten ordentlich abgedeckt sind und wir vor unmittelbaren Kontern sicher sind, führen wir unseren Angriff durch.


Kung Fu Attacke

Unter Rücksicht auf die eigene Sicherheit greift Sifu Mark schwung- und kraftvoll Sifu Leo an.


Fazit

Eine gute Zusammenfassung bietet ein weiteres Zitat von Sunzi (Sun Tzu) aus der Kunst des Krieges:


Die Niederlage schenkt man dem Gegner
Den Sieg kreiert man selbst


Darum „überreiche dem Gegner nicht deine Niederlage“, sondern „bringe den Sieg hervor“!

Die „vier Phasen der Vorbereitung“ sind essenziell, um erfolgreich und sicher in die Schlacht zu ziehen. Sich planlos und Hals über Kopf in den Kampf zu werfen, würde dem Verhalten eines ungeübten Wirtshausschlägers gleichkommen und nicht dem eines „gelehrten Kriegers“, unserem Idealbild in Shaolin Wahnam.

Natürlich werfen wir die vier Vorbereitungen nicht nach der ersten Aktion über den Haufen. Wir behalten stets den anfänglich eingeleiteten Fokus bei, achten auf das Verhalten des Gegners, suchen ständig nach Gelegenheiten und nutzen diese unverzüglich aus. Schließlich packt man ja auch nicht seinen Rucksack, um ihn dann bei der Abreise stehen zu lassen.

 



Autor: Sifu Leonard Lackinger

 

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