Alles über innere Kraft Teil 3


Ein Vergleich zu Muskelkraft


Es wäre falsch zu sagen, dass innere Kraft immer stärker ist als äußere Kraft. Während Muskelkraft jedoch limitiert ist und mit dem Alter abnimmt, hat innere Kraft keine Grenzen und nimmt mit der Dauer der Trainingspraxis immer weiter zu. Alter, Geschlecht und Statur sind keinerlei Hinweis auf oder Hindernis für innere Kraft. Im Gegenteil. Je länger man innere Kraft trainiert hat, desto größer ist der Effekt.


One Finger Shooting Zen

Das Training von innerer Kraft und
Muskelkraft haben kaum etwas gemeinsam.


Das Training von Muskelkraft ist sehr lokalisiert und spezialisiert. Das heißt, wer seinen Bizeps trainiert, kann beim Beugen des Armes schwere Dinge heben, aber nicht schneller laufen. Auch ist das Training häufig auf nur ein – der ausgeübten Sportart entsprechendes – Ziel ausgerichtet, also entweder auf Ausdauer oder Maximalkraft.

Wie auch dessen Grundsubstanz Chi, die universelle Energie, ist innerer Kraft im Idealfall universell einsetzbar. Wer seine Energie mit dem Standtraining vermehrt, kann stärker zuschlagen. Wer Kung Fu-Sets oder Sparring betreibt, kann länger laufen und schwerere Dinge heben. Die Energie wird überall dort zur Verfügung gestellt wo sie benötigt wird. Vor allem auch zur Erhaltung der Gesundheit. Auch wenn das Training auf die Entwicklung starker Schläge ausgelegt ist, holen sich die inneren Organe ihren Anteil um die Erhaltung des Lebens zu gewährleisten. Dies war jedoch nicht immer so. Häufig wurde auch innere Kraft sehr spezifisch trainiert, wodurch Praktizierende je nach Fokus des Trainings zwar starke Schläge austeilen oder auch Angriffe mit stumpfen Waffen unversehrt einstecken konnten, aber nicht vor Krankheiten oder Stimmungsschwankungen gefeit waren. Der in Shaolin Wahnam allgegenwärtige Chi Flow dient hier als Konverter, der die gesammelte Energie immer dort bereitstellt wo sie benötigt wird.

„Auspowern“, wie es in der westlichen Fitnesskultur gerne betrieben wird, legt schon vom Namen her nahe, dass hier Energie verbraucht wird. Nach dem Training fühlt man sich erschöpft oder gar müde, was das genaue Gegenteil von innerem Training darstellt, nach dem man sich erfrischt und gestärkt fühlt.

Wer übermäßige Muskelmasse aufbaut, sperrt seine Energie in den jeweiligen Muskeln ein, wodurch sie bei der Versorgung der inneren Organe und Vitalfunktionen fehlt. Aus Sicht der TCM (Traditionellen Chinesischen Medizin) stellt das westliche Fitnesskonzept also vielmehr eine Belastung als eine Unterstützung für die Gesundheit dar.

Darum haben die meisten traditionellen Meister auch keine athletische Bodybuilder-Figur, sondern wirken oft eher schmächtig, manche auch pummelig. Dies sollte aber keineswegs zu einer Fehleinschätzung ihrer Kraft führen.


Sigung Ho Fatt Nam

Sigung Ho Fatt Nam (Mitte) war von schmächtiger Statur.
Dennoch fühlte sich der gut trainierte, junge Wong Kiew Kit
(links neben Sigung) ihm gegenüber wie ein kleines Kind.


Natürlich setzt körperliches Training Endorphine frei, steigert Wohlbefinden, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl und macht Spaß. Es bietet also ebenfalls wünschenswerte Nutzen, nicht zu reden von der Freude beim Fußball ein Tor zu erzielen oder ein Match zu gewinnen. Es ist nur wichtig zwischen Fitness und Gesundheit zu unterscheiden. Dass die meisten Sportler nicht weniger häufig erkranken als andere, teilweise sogar noch öfter, ist jedoch ein klarer Hinweis, dass Muskelkraft und Fitness keine Garantie für Gesundheit sind. Direkt nach ausgiebigem körperlichen Training fällt es außerdem schwererer sich zu konzentrieren.

Wer seine innere Kraft einige Zeit kultiviert, profitiert von mehr Energie im Alltag, starken Abwehrkräften und einem klaren Geist. Im Vergleich mit Muskelkraft bietet sie ein bei weitem vielfältigeres Spektrum an Nutzen und trägt in erster Linie auch zur Erhaltung der Gesundheit bei. Darüber hinaus muss man sich beim Training nicht quälen, sondern es ist vielmehr jedes Mal aufs Neue eine wunderbare Erfahrung.


Autor: Sifu Leonard Lackinger

 

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